Der Auflösungsvorgang

So ist´s annehmbar. Die Bar, ach ja. Als wären wir alle hier bereits, auf Hockern schon zur Welt gekommen. Ein Lebenslauf auf Bierdeckeln. Ich stolpre rein.

Und nicke an.

Meine latent angestaute Wut verwischt, verwächst zu Asche. Augenblicklich. Qualmblau steigt mein Atem auf.

Da stiefelt Ruben von Alberti rein — wie immer auf Sandalen. Kommt jeden Tag. Quatscht, als wäre er lediglich Gehirn. Fast lyrisch[-er Freistil-/Freestyle-Impro], doch fällt er immer wieder auf seine eigene Rhetorik rein, metaebene Metaphorik, die er selber nicht begreift.

— du schon wieder

sagt er zu mir, bereits zu nah.

— wasch dich lieber

sag ich.

Was bin ich denn(?) — Emotionsmüllkippe — frag ich mich. Und doch, dabei genau so liegengeblieben, wie all die anderen; ich weiß. Di-Ai-Wai. Ei-NO. Notwendig greift meine Hand nun zur Glasaußenwand. Schon fühl-ich-mich-unendlicher. Leichter.

— wer nich´ in´ne Bar geht, kann auch nicht ehrlich sein

sagt er.

— stimmt

besänftige ich ihn, bestätigend.

Er bietet mir sein Feuerzeug. Ich nehm´ mein eigenes. Will gar nicht wissen, was das über mich sagt. Die Wahrheit ist selten fair — aber ich, bin durch mit ihr. Kurz noch `nen Kurzen in den Magen stauen. Dann mach ich meine Runde. Geht auch schnell. Nur ein bisschen verloren, unter nahen Fremden und fremden Fremden, stiller Teilhaber, Latenz-Freunden sein. Und bleiben, bis ich los muss. Mehr will ich gar nicht.

Doch schon taumelt der Nächste auf mich zu. Und ich tu´ — nichts, das als Einladung durchginge. Doch er — er mit seinem Hundeblick. Sucht mich. Trümmer-Thorben. Und findet [mich; leider].

Jetzt Rauch im Auge. Verqualmte Sicht. Wie ein Wahlross stützt, und schwappt er sich auf den Tisch (drauf), ab. Und japst. Immer wieder blickt er auf zu mir. Dann wieder sinkt sein Schwabbelkinn gen Brustbein. Sein Kopf bewegt und dreht sich angestrengt, die Augen rollen scheinbar doppelt so schnell in ihrer Hohlraumhöhle mit; so als robbe er, mental, einem Gedanken, einem einzigen schlaggebenden, einmalig, endgültig erlösenden Wort[-Anfang] entgegen. Schau an! Der kann gar nicht(s) mehr.

Sein gegelt grau-weiß meliertes Haar, der Muschimund-Bart fein säuberlich gestutzt — und auch die beige Lederjacke betont nur seinen Milchkaffeecharakter. Er ringt, er kämpft mit sich. Sein eigenes Unvermögen wirkt selbst auf mich beschämend, Mitleid erregend und sogar irgendwie beleidigend.

Wie unfair von mir ihn nicht zu mögen. Vielleicht. Doch kein bisschen geh ich auf ihn ein. Meine Ignoranz sollte ihm eigentlich steinhart entgegen wehen. Will er mir doch, aus irgendeinem Grund nur seine Verbundenheit kundtun. Seine Prankenhand greift mir plötzlich in den Nacken. Besonders auf so was reagiere ich schlimm; allergisch und bleibe trotzdem stumm. Tatsächlich purzeln ihm nun süffige Verbalfetzen aus dem Gaumenraum. Worte kaum.

— verpiss dich!

sag ich, indem ich mich wortlos von ihm wegdrehe.

Und suche mir danach — NATÜRLICH, die aller dunkelste und einsamste Ecke im Lokal. Doch auch das nützt nichts.

Retorten-Robert „der Leberfleck“ — kommt auf mich zu stolziert. Mit breitem, überamasturbiertem Gang, und einem freifallendem Gesicht, so als hätte er seit Tagen nicht mehr geblinzelt. Der Wichser. Aber hier, zwischen Kippchen, Bier und Bob Dylan fühlt er sich daheim. Kann ich verstehen. Doch ausgerechnet mich musste er sich jetzt zu seinem Leidensteilhaber imaginieren.

Dafür rauch ich, als Entschädigung, immerhin nur noch aus seiner Schachtel, selbst wenn ich auch eigene hab. Rache- und Rauchausgleich. Ein Karma-Hinundher. Doch irgendwann zieht mich der Abgrund, seines Mundgeruchs, auch mit hinab. Liebe ist nur etwas für zwei Fremde. Wir kennen uns. Sorry. Fällt er vom Hocker, echt? — denk ich fragend. Und helf´ ihm nicht auf. Seine wehmütigen Laute, immer leiser. Bis sie verstummen und er endgültig einschläft — unterm Tisch, zwischen meinen Beinen, wie ein Hund. Ein Grund, und endlich auch einmal Gelegenheit, richtig allein zu sein.

Mit Rauch und Alkohol stopfe ich die Leere in mir aus. Vielleicht. Eiskalte Eitelkeit.

Der da drüben. Kommt jetzt auch. Mit grinsender Hacke im Gesicht. Na toll!

Ein wandelndes Charakterloch, das sich unentwegt, halbherzig hinter seiner billigen, gestellten, debilen Sozialkompatibilität versteckt. Und sich unablässig mit der Zunge über die kahle Stelle zwischen Bart und Lippe leckt. Die Amöbe schlägt zurück. Stück für Stück dringt er in meine Ich-Hygiene ein. Doch ich bin zu faul zum Schreien.

— du bist so unnötig

lediglich, nuschle ich.

Er aber schluckt schon Luft um rethorikal auszuholen. Wie ich ihn verachte. Typus: gescheitert, modern mit seiner zugleich staubtrockenen Beamtenlässigkeit — mit Ring im Ohr und chronischer Gehirnfraktur. Keine echte Barnatur. Nur Zwischensäufer. Atmung ohne Grund. Kommt lediglich ein Mal im Monat, wenn Zahltag ist. Durch drei Kinder alimentgefrustet, obwohl er eigentlich stockschwul ist. Und es sich nüchtern niemals eingesteht. Aber nach jedem Wochenende vom Kettenrosettenlecken kriegt er Herpes am Kinn. Geschickt kaschiert er die Leerstelle seiner Persönlichkeit durch großspuriges Geschwafel. Weder Sinn noch Stil darin — nur aufgesetzt. Und immer gehts um Muschis. Jetzt aber schlägt er mit geballter Banalität zu und will mir was von seinem Aquarium erzählen.

Ich asche ihm ins Bier und sag

— das war kein Versehen

— macht nichts

erwidert er und holt uns sogar zwei neue.

Generell eh — aber ihm vor Allem verweigere ich die überbewertet und gänzlich überflüssige floskelnde Geste des Anstoßens. Allmählich wird ihm der Arm lahm. Er zieht zurück. Peinlich berührt mich sein Versuch zu schmollen.

— wir glauben zu wissen, was andere denken — und sind dann beleidigt wegen unserer eigenen Gedanken

halt ich ihm genüsslich vor. Während er indes eine überforderte Grimassenmaske /Fluppe zieht.

Ich asche ihm erneut ins Bier …


BILD by: Christopher Balassa                

Die Schlickschaum-Trilogie…geht weiter, der 2. Teil KOMMT!! bald

DER AUTOR sitzt wieder an seiner SM/Maschine und schreibt/*tppt* sich die Wurstfinger blutig. Der Nachfolger von EP /www.erectionperfection.de/ ist also in der Mache.

Wenigstens wichst er jetzt wieder weniger, laut eigener Aussage.

Hier, zur Erinnerung. Feinste Pornobelletristik.

 

Die ganze Story, auch hier zu lesen etc.

https://engelschmidt.com/2015/12/06/end-hemd/

oder

via VIDEOS 

oder

http://www.ERECTIONPERFECTION.de

oder

via EP / youtube Channel 

Canibal Café

Ab durch die Bar-Hintertür; dann durchs Lager. Halb draußen, halb drinnen. Zwischen den Welten. Im Rücken, das Lagerregal. Die Außentür aus Metall steht offen. Die Nacht, als wäre sie nur kurz, auf ein „Grüß Gott“ gekommen . Sie nickt uns zu. Der Tag veratmet-und-verbraucht, lässt meinen Puls nun sinken. Der Kolibri zündet sich seinen Joint an und inhaliert genüsslich dessen Qualm und Ruhe ein. Kaum sichtbar — weht der Stress, beim Ausatmen hinaus. Es ist weit nach Mitternacht. Ich pruste — Wellen auf mein´ Kaffee.

— hast du noch Speed?

fragt er.

— na-klar.

Ich hacke ihm, auf der Schlager-CD, die jetzt auf den Bierfäßern liegt, auf.
Dann…

— du auch?

fragt er und zieht.

— neäh! … hab das Gefühl, dass ich aus nichts anderm mehr besteh, manchmal…

sag ich. Der Kolibri zwinkert.

— kenn ich gut

sagt er. Und zieht erneut.

— sicher? du nich´

— sicher

sag ich.

Und er, die zweite line, zieht alles weg; und fragt:

— was war das mit der Alten grad?

— böse Mischung. Enormes Aussehen, kein Charakter

— die is´ stink reich auch

— ich weiß

sag ich.

Kurzes Schweigen. Der Kolibri wieder:

— pass auf Alter, gestern, ich sitz noch im „Boris“ rum, kommt so ´ne Tussi, is´ voll scharf auf mich … ich kenn´ die länger schon und reibt die ganze Zeit ihre fetten Titten an meinem Arm. Ich koscher, bleib erst-ma´ völlig ruhig, sauf meinen Mai-Tai. Wird´se richtig quägellich auf eins hält mir direkt ihre Möpse unter´n Zinken. Ich sach — pass auf Süße, ich seh schon was du da hast. Wie alle ander´n auch. Glückwunsch aber mach´ ma´ hier jetzt ´nen Punkt. Und sie nun zieht ´ne Schnute wie´n kleines Mädchen das vor ihr´m Daddy steht und rallt´s halt nich´. Und jetzt pass auf — da kann ich gar´-nich´ drauf setzt´se die Stimme plötzlich so hoch, so richtig Nerventerror. Weiß´te so´ne Scheiße ich kappier´s halt nich´ — macht freiwillig auf behindert. Als wenn´s was nützt und ich da jetzt drauf anspring und geil von werd´ mein Gott was haben die sonst denn immer nur für Typen am Start … Selbstachtung stirbt aus.

Wortlos stimme ich ihm zu und muss dafür noch nicht mal nicken.

— ich muss wieder vor; komm´ste noch mit, n´ Bierchen auf die Hand geht immer

fragt der Kolibri.

— neäh, ich muss

— okay. Immer schön dich zu sehn

— danke

sag ich und geh.

Nach und nach schluckt mich die Nacht.

final wank-off

Die Lust tanzend, wandelnd zu betrachten; hieß einfach nur — ihr zuzusehen. Hin und wieder lächelte sie verstohlen rüber. Ich winkte. Und kam mir bescheuert vor.
Doch aller spätestens nachdem sie ihr Bikini-Oberteil auszog, stellte mir die Begierde prompt einen so dermaßen Überharten in die Shorts…  Welchen ich unter allen Umständen zu verbergen suchte. Doch als sie dann aus dem Wasser kam, und über die Steine wie ein geschmeidiger Panther schlich, und stolzierte zugleich, konnte ich nur noch mit noch mehr Bier gegen die steigende Erregungssteife ankommen. Da rekelte sie sich schon, wie das Innere einer Lavalampe — und bückte sich, um uns kühle Biere aus dem See zu fischen, während ihr runder, schöner Prall-Arsch fatal viel ihres Höschens fraß — derweil — sie wusste ganz genau, dass ich ihr zusah. Genoss es auch. Als sich unsere Blicke dabei trafen und wir zugleich erröteten, übergingen wir dies, indem wir verlegen und unbeholfen, umständlich, doch eher zwecklos, uns gegenseitig von unseren ehemaligen Beziehungen zu erzählen begannen.
Dieses eine Mal noch hielt ich stand. Aber nur, da ich kurz darauf in den Wald eilte — um mir einen Spermazapfen vom harten Ast zu klauben.


BILD BY: Christopher Balassa

Notfrühstück
Tänzelnd nur auf einem Bein, wischte sie sich im Halbschlaf noch, die Augen aus, als sie jetzt im Türrahmen vor mir stand. Als sei alles nur ein Traum…

Ich sah sie an … sah sie aus roten Augen an. Zu durchgemacht um nur halbwegs klar zu denken. Da erglomm, und erlosch zugleich, die letzte Treppenhausglühbirne in sich, direkt über mir, zusammen; kollabiert. Stockfinster um mich rum war´s. Doch der Schatten, gegenüber mir, sprach:
— ich liebe dich!
Und das … nach allem, dennoch weinte ich; beinahe.
— ich weiß,
sagte ich. Nicht mehr. Nicht-ich. [Han-Solo-Style].
Dennoch, sie im Rücken, sah sie mein Gesicht nicht. Meine Zukunft ließ ich ihr [ungefragt] da. HEROICA.
Ab jetzt (gab es) nichts mehr; außer Treppen_aus. Im tief Gehen, die steigende Stille. Stille. Die Stille. Ohne Echo. Blindlings. Abwärts.

Die Straße war gerade zu; noch halbwegs warm, roch sie fast unschuldig und unbenutzt. Irgendwie empfing sie mich — geradewegs wie Schmutz. Ich lief, ohne Spuren zu hinterlassen, durch sie hindurch. Bis —

Der Taxifahrer schien in Wirklichkeit gar nicht mich mitzunehmen. Das Radiogeräusch kratzte am Schweigen. Wie unnahbar, und fremd. Wie dankbar. Dann, die Nacht, in ihrem Nachtkleid, zog vorbei. Und sich allmählich wieder an dabei.
So nah; so sah, vor dem Morgenfahl, plötzlich dann alles dumm und traurig drein. Eine ganze Stadt aus bloßen, losen, leblosen Batzen, geformt; ausgiebig — aus beige, und blauen Graugestein gemacht.

…wie ein Blechdach, dass über den Strand geweht wird, fühlte ich mich.

Der Check-In dauerte.

Eiterfarbenes Gelb. So etwas; die Sonne schien durch.
Ein Bus ersetzte das gate, und brachte uns allesamt zum Flugzeug. Was niemand sah zum Glück, war, wie ich weinte und wie blass ich war — dazu; etwas in mir hielt sich noch immer vom Abschied fern. Und ich wusste längst unausweichlich, was wahr war.
Jede Sekunde, TICK-TICK, zerhackte mir das Herz. Und mein geschältes Hirn, wirkte, selbst von innen her, wie eine zerstaubte Apfelsine. Mit trägen Schritten erklomm ich die transportable Treppen-Empore, Richtung Passagierkabinenbauch.
Die Turbinen liefen. Alle, alles klassenlos.
Klanglos war die Sonne einfach so, mittendrin endgültig aufgegangen; irgendwann. Ich blickte ein allerletztes Mal, und strich den Himmel andersfarbig in Gedanken; in Gedanken, an…

— tschau!
sprach ich. Zog dann die Plastikblende zu. Zum Entsetzen meiner Sitznachbarin. Jene räusperte sich, doch tat ich einfach so, als ob alles so sein müsse.
Es wurde nicht leichter, als es in Wirklichkeit hätte sein können.
Bis ich längst seelenruhig darüber resigniert, eingeschlafen war. Wie unwahr. Aber dankbar.

Na ja —
so barbara.


BILD BY:  J.M. Harmening

Dickradation

Ich erinnere mich daran, dass ihre Muschi ein wenig wie feuchte Nüsschen roch.
Meine Nase steckte in der nasstriefenden Falte zwischen ihren Beinen und meine Zunge bearbeitete das Modrige. Sie behauptete, dies sei die einzig sinnvolle Methode, mich zum Schweigen zu bringen. Da hatte sie vielleicht Recht, auch wenn ich ihr ein paar Dinge hätte erklären sollen. Die Frequenz und die Lautstärke ihres Stöhnens wurde immer heftiger. Ihren Arsch mir ins Gesicht gestreckt, dockte ich wieder aus. Die pralle Ansicht ihres weißen Hinterteils, sah genauso aus wie der hell leuchtende Vollmond, der durch das Dachschrägenfenster auf uns nieder schien. Direkt schlüpfte ich in sie hinein. Ihr warmer Votzentempel empfing mich königlich. Sie machte die Bewegungen und ich hielt still. Ich kam nicht drum herum, mir vorzustellen, dass es der Mond war, der mir da gerade einen blies. Immer wieder saugte er an, bis zum Schaft, ohne Würgen und ließ lediglich ein schmatzendes Geräusch verlauten. Ich holte den alten Feuchtschlitzsoldaten aus seinem Unterschlupf. Ihre Mösenbrühe ließ meinen Schwanz glitzern. Noch immer funkelte er, wie ein Wienerwürstchen in Aspik.Augenblicklich fühlte ich mich zurückversetzt in den Moment, als ich ihr knackiges Jungfernhäutchen zerfetzte (Kirschentkernung). Aus pädagogischen Gründen ließ ich mir hinterher alles feinsäuberlich wegschlabbern. Ihr Anblick danach hatte etwas von einem Clown.

Jetzt aber zögerte ich etwas zu lange. Sie lag bereits wieder auf dem Bauch. „Leg dich auf mich“, sagte sie. Dies war zwar nicht meine bevorzugte Variante der Rückseitenbespachtelung, dennoch zeigte sie sich hinterher immer durchaus erkenntlich.

Als ich auf dem Rücken lag und sie auf mir, ging sie sofort in die Hocke.

Ich liebte den Anblick des nassen Brötchens, dass sich immer wieder über meine Fleischbewaffnung stülpte. Doch bevor sie sich hatte umwenden können, war ich bereits in ihr gekommen.
Unserem Ritual getreu, stellte sie sich auf, direkt über meinem Gesicht, und presste die Ejaksuppe heraus. Heiße Tropfen der Liebe besprenkelten mich.Ich wusch mir das Gesicht und ging runter in die Küche.
„Und hast du deine Schwester ins Bett gebracht?“ fragte meine Mutter.


BILD BY: Cora Sprengel

Das umgekehrte Gegenteil der Wirklichkeit

Ich blieb nur um zu kommen…

OK. Dann also: scheiß drauf, dachte ich. Es war einer dieser Tage. Nächte, mein´ ich. Immerhin war sie die Schönste unter den Hässlichen.

Bei ihr angelangt, beeilte ich mich direkt den Alkoholvorrat so schnell es ging zu neigen — und das durchweg durcheinander. Da schon, ja, lagen wir beisammen. Und überraschend bekam ich tatsächlich noch einen hoch; musste mich aber konzentrieren währenddessen nicht zu kotzen und möbelte sie allein schon daher so derart dermaßen hart durch, wie ich nur konnte.

Sie — sie aber lag nur da und gab keinen Ton von sich. Sie süffte unnormal. Ich wischte die Schlicke immer mal wieder an der Tapete ab. Da bemerkte ich ihr Wimmern. Was denn sei, fragte ich.

Sie gestand mir, dass sie bis eben Jungfrau war. Mir wurde unerträglich und ich mir selber widerlich. Es war Zeit zu gehen. Ich schaltete das Licht ein.

Als auch sie die blutigen Handabdrücke an der Wand sah, begann sie laut zu schreien, flennen und davon zu rennen. Scheiße — dachte ich und ging ins Wohnzimmer; dann raus, auf den Balkon.

Schon wie ich den wackeligen aber weichen Mond, und dann an mir hinunter sah, sah ich tatsächlich zum ersten Mal wie übersät von blauen Flecken, Blut, und Kratzern ich war.

Ein unglaubliches Gefühl vergeudet vergoldeten Unmutes überfiel mich, nagte an mir, und ja, zerfraß mich sogar — was schön war. Irgendwie nur ein bisschen klarkommen — dachte ich und schüttete mir das Wasser aus der kleinen Plastikgießkanne über den Kopf. Es half. Da hörte ich ein Feuerzeug ratschen und sah, auf dem Balkon zur meiner Rechten, dämonisch erleuchtet das Gesicht einer Frau aufblitzen. Sie war so alt wie ich.

— na schöner Mann … wie is´s?,

fragte sie.

Und ich fragte mich: warum fragt sie das — jetzt?

Ich schaute sie wohl ausdruckslos an.

— coole Klamotten

ergänzte sie.

Und dann …

Die Situation war eh nicht unter Kontrolle zu bekommen. Frei baumelnd und betont lässig lehnte ich mich übers Geländer. Sie gab mir Zigaretten — Menthol. Egal.

— wird ja auch ma´ Zeit … dachte Mausi bleibt für immer Jungfrau

— hey-hey!

wandte ich ein.

So tragisch. Sollte man meinen. Doch direkt neben mir fand ich die lange schon geöffnete Flasche (Essig-)Wein. Ich nahm einen bitteren — auch einen zweiten Schluck. Erst wurde mir schlecht, dann zunehmend wohl und wohler. Wir plauderten.

— willste nicht rüberkomm´? Mein „Freund“ (mit fingergewinkelten Anführungszeichen ihrerseits) kommt gleich vorbei — und wir könn…

— ne-ne-ne, heut nich´,

sagte ich.

Sie rein. Ich blieb.

Wieder allein; mit mir, der Nacktheit, der Nacht und dem Alleine-sein.

Während ich auf die gegenüber liegenden Fassaden blickte — und vereinzelt stumme Flimmerlichter hinter den Gardinen flackern sah.

Es wirkte alles so (un)normal und friedlich irgendwie. Obwohl …

Die einzigen, die jetzt noch wach waren … wer waren die wohl? Eingenickte Malocher, Arbeitslose, Untergrund-Hunde, Freaks, Zocker, Dealer, Huren, realitätsenthemmte Zwangsmasturbateure oder Sadomaso-Freaks — niemand der als „normal“ zu labeln wäre — alle, die alleine blieben, auch wenn sie zusammen lebten, die ihr eigenes Dasein, geträumt, oder vollends resigniert, so oder so — Leben, das nicht mehr in Richtung Sonne wuchs, sondern gebeugt in Richtung Erde krümpelte, krepierte und unentwegt kämpfte, um jeden Atemzug, der immer dünner wurde, und sehr bald schon zum Allerletzten. So in etwa? Selbst wenn sie lebendig schienen, schienen sie sich (selbst) wie enttäuscht und jähzornige, verdammte Tote, die, vor lauter Verzweiflung blind und geschunden, sich gegenseitig aus dem Ring des Lebens stießen, wie zurückgebliebene Sumo Ringer — ohne es zu wissen. Obwohl das Leben gar nichts bereithält, außer dem „Ich“ — und dem Nächsten, neben uns. Oder nicht?

Wir verdienen alle zu wenig, egal wie viel wir bekommen.

Nichts bleibt.

Das nächste Licht ging aus.

Vielleicht dachte ich … zu Unrecht — generell zu schlecht; zu starr in meiner Ansichtsweise. Lag auch an der Aussicht — denk ich.

Einige mussten vielleicht gleich zur Arbeit. Gewillt, trotz all der Beschissenheit, selbst für das bisschen Sicherheit und Frieden aufzukommen. Ein Vater vielleicht, der seine Frau einst, jetzt aber nicht mehr — liebte, nur noch aus Gewohnheit, vor sich und anderen so tat, aber es nicht mal mehr aussprach, und sich ausgehöhlt vorkam, nun, nach all den Jahren, spürte wie die Flamme in ihm erlosch. Derweil der gefasste Entschluss, alles hinter sich zu lassen — war er jetzt dabei, ein allerletztes Mal noch seinem Kind, seiner Tochter vielleicht, über die Haare zu streichen, und sie dabei in ihrem harmlos ruhigen Schlaf ansah. Sie atmete. Er beobachtet das Auf und Nieder ihres Brustkorbs. Wo das Herz nie ruhend schlägt. Das war es doch was zählt — denkt er sich; doch sicher ist er nicht. Nichts war je intakt, und wird es auch nie wieder sein. Doch, für sie war es das … vielleicht. Bis jetzt. So ist das Leben eben. Dann presst er seine Lippen sanft auf die Stelle ihres Schädels, die nach der Geburt noch lange weich und gefährdet war, aber von der dieser bestimmten, kindliche Geruch ausströmte, wie Baby-Creme.

Aber was weiß ich schon?!

Und wer weiß, oder will es überhaupt wissen, wer da grad verdroschen wurde — aus Wut und/oder Lust … war auch egal. Sie alle waren irgendwie da drüben. Und ich hier. Für immer draußen. Wann hatte mein Leben …

… den exekutiven Exzess so sehr zu statuieren begonnen. Niemand kommt aus seiner Haut. Und ich dachte — ich wäre ihr entkommen. Aber…

Resigniert stellte ich fest, dass ich noch immer nackt war, fror und meine Schritte auf dem durchnässt, vollgesogenem Kunstrasen quietschten. Dazu das blaue Lichtgesicht des Mondes, dem ich mich hilflos, aber hilfesuchend zuwandte. Dann mein Blick hinab, sah ich meinen Bierbauch sich vor Atmung wälzen. Und ich spürte den eigentlich warmen Wind, der mir durch Härchen um den Nabel strich. Doch meine Zehen bogen sich vor Kälte, während zugleich meine Stirn brühend glühte.

Wieder rechts, sprang lachend die Balkontür auf.  Sie.

Sie, mit ihrem Freund. Ich tat, als wäre ich, und das, was ich hier tat — normal. Dazu erneut ein tiefer Schluck. Ekel überkam mich, wie ich den Filter an meinen Lippen spürte; fast am Kotzen. Die beiden lachten. Doch schmiss sie mir erneut die Kippen rüber. Bevor sie ganz demonstrativ rumzumachen begannen. Und sie … sie sah mich dabei an. So lange und hemmungslos, dass ich irgendwas zwischen gelangweilt und geil wurde. Eigentlich peinlich eher, so auf meiner solo-stillen Seite. Wie ein Spanner. Doch ich fing an mir ein´ zu wichsen.

Die beiden fummelten sich rein — ließen mich also erneut …

… doch nein.

Er kam zurück.

— schmeiß mir ma´ die Kippen her

sagte er.

Ich nahm noch zwei und warf sie rüber. Er zündete sich eine mit dem Streichholz an. Gerade dabei reinzugehen, stoppte, überlegte er und steckte etwas in die Streichholzschachtel, die dann wieder bei mir ankam.

— Überflieger wie du müssen ja auch irgendwann ma´ wieder runterkommen

sagte, und gönn-zwinkerte er.

Schon war er verschwunden.

Ein kleines weißes Päckchen. Ich dippte. KETAMIN. Mein Untergang.

Ich ging direkt rein, ohne weiter nachzudenken, suchte meine Hose, mein Portemonnaie und hackte mir eine lange Bahn direkt auf dem kleinen blanken Couchtisch auf. Der erste Schwall riss mich zu Boden. Schwerelose Seligkeit. Völlig lädiert lag ich einfach nur da. Nackt, fast friedlich, regungslos. Wie ein Embryo. Jetzt außer mir. Nicht hier, nicht nirgendwo. Dafür Nirvana — aus der Wohnung über mir. „Heartshaped Box“. Erst im Nachhinein wurde mir klar wie bedrohlich nah ich dem Ausgang war. Denn es war nicht das erste Mal. Auch nicht das letzte.

Schreie aus der Ferne, gedämpft, wie durch unzählige Wände. Hysterisch, panisch, doch noch immer sehr, sehr leise, mir gewidmet offenbar, mit enormer Kraft. Meine Mutter, unten, vor der Treppe, wenn sie meinen Namen mit dem langen „iieeehh!“, schrie.

Wieder kam ich zu mir. Tröpfelnd, wie ein Rinnsal sich windender Qualen. Wimmernd, winselnd. Sie schlug noch immer auf mich ein. Ich kotzte und pisste mich zugleich ein. Ich erwachte. Mit aufgerissenen, schreienden Augen sah sie mich an. Erst weich. Dann wütend. Sie gab mir Wasser und hüllte mich in eine kratzige Decke ein. Es wird der Teppich gewesen sein. Doch hinter allem, das ich benomm-verschwommen wahrnahm, stach ein eindeutiges Alarmsignal ganz klar hervor. „KRANKENWAGEN“, sagte sie am Telefon. Und ich auf Eins, so wie ich war, hinaus. Zumindest der Versuch. Denn zunächst schlug ich längs über den Sessel; danach, beim zweiten, mit dem Kopf gegen den Schrank. Jetzt stand sie vor mir, noch immer mit dem Handy in der Hand. Sie hatte Angst. Und ich ganz sicher einen wahnsinnigen Gesichtsausdruck aufgelegt.

— kommen sie schnell!

hauchte sie und legte auf.

Blut lief mir über Augenbrauen und Wangen. Tatsächlich optisch schlimmer, als de facto die Wunde tief. Doch ich, entsprechend den Umständen, sprang wackel-fallend, schief, ziel- und orientierungslos durch die Bude, die dabei zunehmend im Chaos versank; das allmählich überlief.

… Hätte sie nur gewollt; allein die Schlachthausoptik ihres Schlafzimmers wäre weit ausreichend genug gewesen, mir jegliche Form der Abscheulichkeit zu unterstellen und mir alles mögliche anzuhängen. Meine Glaubwürdigkeit, auf vielerlei Ebenen, hatte innerhalb der letzten Stunden enorm eingebüßt.

Ganz im Gegenteil zur Paranoia, die nun, vom schlechten Gewissen auf Hochtouren frisiert, die Allmacht übernahm — unabwendbar, denn mein Betragen hatte sicher nicht dazu beigetragen ihr Vertrauen zu erlangen. Der Peinlichkeit zwangsläufig ausgeliefert und in Erklärungsnot — wozu war ein Mensch nicht alles im Stande, wenn es darum ging den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen?

Ich wollte es weder wissen, noch herausfinden. Für weitaus weniger hatte ich selber schon krassere Lügen vorgebracht, verbreitet — und gelebt, bis hin zur Wahrheit.

Doch was sich in ihrem Gesicht abzeichnete, trotz Angst und Panik, wirkte eher tief erniedrigend auf mich. Mitleid. Ich schämte mich — unsäglich. Bis sie zur Seite trat.

Auch wenn mir schlecht und zunehmend schwindelig war, kam ich mir zunächst erlöst vor. Jetzt erst im Treppenhaus, und im Nachrausch der Hysterie fiel mir meine Nacktheit wieder ein — und vor allem auf.

Ich klopf- und klingelte. Natürlich vergebens. Bis die Tür rechts aufsprang. Die Menthol-Mausi — ja vielleicht war tatsächlich sie meine Rettung. Doch sie sah … sie sah nicht danach aus. Im Gegenteil. Ihr ganzes Gesicht war angeschwollen und blau, dazu der Lidschatten verlaufen und auch die Unterlippe aufgeplatzt. Zugleich hörte ich jemanden das Treppenhaus aufwärts stürmen. Ich wusste nicht — was tun? Plötzlich deutete sie mit einem langen, düsteren Zeigefinger auf mich. Das hinter mir … wäre es  —WENIGSTENS — „nur“ die Polizei gewesen.

Anstatt — jenem enorm, wutpulsierend, schnaufend und muskelüberfüllten Glatzen-Ungetüms eines offenbar mehrstöckigen Mannes, im Blaumann, der mich zerstörungspräzise anstierte.

In der Ferne hörte ich Sirenen.


TEXT BY:

¥√€$

(=[B-&-R-Kenntnisse eines Strippers]=)

„Ich zerstückelte, und tupperte sie hinterher fein säuberlich, im Tiefkühler, ein“.

Wo es gewiss nicht immer einfach war (und oft sehr schlecht lief zwischen uns) — nichts läge mir ferner, als mich hier zu beschweren oder gar zu jammern; ach wo!
Mama war eben, in jeglichen Belangen, schon so lange wie ich überhaupt nur denken kann, eher sehr-sehr intolerant allen Männern gegenüber [eingestellt], beinahe feindlich, will ich meinen; mich leider mit eingeschlossen. So erwies sich nicht einmal das Band der Familie ihr hinreichenden genug, auch nur eine einzige Ausnahme diesbezüglich zu akzeptieren. Im tiefsten Grunde ihres Herzens, davon bin ich (bis) heute überzeugt — hasste sie mich. Maßregelnd und misshandelnd erzog sie mich daher, gewissermaßen stets unter der unabdinglichen Prämisse, dass ich ein Arschloch sei, bereits von Anbeginn und Geburt an. Weil ich Mann war; tja. Wie schon mein Vater — was beinahe erschreckend war.

… mein Vater [1]
???
[1] Mutter erzählte oft, ich sei als Waise zur Welt gekommen — oder variierend manchmal, dass mich aus dem Zoo entflohene Affen einfach auf ihrer Türschwelle abgesetzt hatten. 
Sie habe mich lediglich aus purem Mitleid adoptiert. Was mir auch lange Zeit durchaus plausibel erschien; genau wie der Ge-
brauch der Leine um meinen Hals, wenn wir spazieren gingen.

Man stelle sich bloß einmal meine Verwunderung vor, wie er eines Tages, unerwartete,  leib- und wahrhaftig dann doch vor mir stand. Was sich rein zufällig, wie ich nach der Schule, am Schalter eines jener „furchtbaren“ Fastfood-Ressentiment-Restaurants stand, deren Besuch mir natürlich strengsten untersagt geblieben war [Mutters „pc“-Wahn!!!]— als er sich endlich zu erkennen gab und sagte: „Kann ich sonst noch etwas für dich tun, mein Sohn?“
Ich war zu Tränen gerührt.
„Papa?!“, stammelte ich.…


FORTSETZUNG FOLGT

Euphoria

Als rinnen meine Tränen hinter ihr am Fenster nieder. Wie Regen. So sah ich zu [ihr]. Sie sagte nur: du bist der perfekte Mann für mich. Und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass sie das nicht gesagt hätte. Ohne aufzusehen entgegnete ich deshalb: irgendwas zerstört mich. Was denn? Das hier. Ich liebe dich, sagte sie. Ein Riss. Jeder sah zum anderen. Doch auf einmal so viel Licht. Sie meinte mich. Aber nicht ganz. Nur das, was unlängst Abschied nahm. Komm her und küss mich, sagte sie. Ich wollte nicht. Doch setzte ich mich neben sie. Wie wahr alles war — war.
Ein Kuss legte sich mir auf die Stirn. Ganz leise reichte meine Trauer ihr die Hand. Im Grunde konnten wir uns diesen Moment der Ruhe gar nicht leisten. Doch ich badete bereits in einer Wanne voller Kerosin. Ihre Lippen, die mich suchten, schienen feuerrote Flammen.
Wir werden es niemals schaffen, oder? — fragte ich, schon vollends entflammt. Ausgebrannt.
Ich denke … nicht.
Bald saßen wir beide wieder gemeinsam — allein da.

s.b.

Phall-um

Kaum wohl hätte der Tag schöner sein können. Allem verlieh die Sonne einen goldenen Teint.
Und wie ein sterbender Stern, in seiner aller-[aller]-letzten Blüte, leuchtete auch Herr Sarakusch; von sich aus. Dieser machte einen kurzen Abstecher beim Juwelier und kaufte dort einen Ring — einen ganz besonderen [Ring] sogar.
Mit euphorischem Schritt und jubilierenden Gebärden bog er lustwandelnd in die Wohnungssiedlung ein, die, gepflegt, akkurat und so ordentlich, in ihrer Gesamtheit, nur der Glanztat eines über jahrzehntelang-, überambitioniert-, gepflegten Spießertums zu verdanken sein konnte. Zur Mitte jener Straße gelegen, betrat Herr Sarakusch dort nun das Haus seines alten Freundes — Werner Lang. Dieser schien offenbar, nicht ganz grundlos, argwöhnisch zu werden. Schon allein die Begrüßung, von Herrn Sarakuschs Seite her, war beinahe feierlich und auffallend ausgefallen [aus gefallen].
Außer den zusammengewachsenen Augenbrauen und der dunklen, behaarten Warze, direkt rechts neben der Nase, erinnerte sonst weiter nichts mehr an den alten Kumpanen, dachte Herr Lang. Doch gemäß des etablierten Ritus, setzten sie sich, wie immer, und schwiegen sich, bei einem Tässchen Kaffee, in der Küche an. Das nur sehr schwer an Fahrt gewinnende Gespräch kreiste unablässig um überaus Banalitäres. Ein im Subtext (mit-)schwingender Unterton der Ungeduld, brach immer mal wieder, schubweise, durch die Gebissoktaven-Arie der Altherren-Konversation hindurch.
So hatte Herr Sarakusch ja bisher absichtlich auch jeden Bezug auf Jessie zu vermeiden gesucht. Er wusste ganz genau, dass sie irgendwo, hier im Hause war. Allein schon der Gedanke daran, an sie — ließ sein Gesicht jetzt erneut auf funkeln. Seinem Freund, dem Herrn Lang jedoch, wurde die ganze Situation nun allmählich allzu bunt, und unangenehm ebenso. Eine Vermutung bemächtigte sich seiner, die, wenn auch sie lächerlich erschien, in einem unweigerlichen Gefühl der Eifersucht mündete.
„Und was hast du heute noch vor?“, fragte er, so wie ganz nebenbei und nebensächlich.
So früh jedoch, hatte selbst Herr Sarakusch die Zäsur nicht zu erwarten gewagt (wenn auch der Gleichen zu erwarten war…). Doch war es ihm nur recht, entschied er jetzt.
„Ich möchte Jessie fragen … also, sie bitten, meine Frau zu werden — wenn es ihr recht ist“, erwiderte Sarakusch darauf.
Lang nun, schien einem durchaus cholerischen Anfall nah zu sein. Hass sickerte aus seinem Augental [hervor], während seine Falten sich zu einem tosenden Meer der Wut aufwühlten. Alles, was er sagte, war jetzt plötzlich wie heiser, undeutlich und ohne Klang. Lange daraufhin, hatte Herr Lang seiner Hasstirade nicht mehr Einhalt zu gebieten vermocht. Dennoch, Herr Sarakusch hingegen, blieb weiterhin völlig stumm.
Die Anstrengung und offensichtliche Wirkungslosigkeit seines Gebarens jedoch, zwangen Lang bald zu einer abrupten Räson. Ihm war, als wenn er in einem ominösen, inneren Sumpf einsinke. Absolute Resignation zeichnete sich auf seinem Dackelgesicht ab, während Herr Sarakusch, mit seinem breiten Mund, fast einer Kröte gleich, ein stoisches Lächeln irgendwie beibehielt. Doch auch er fühlte sich zunehmend erschöpft, bemerkte er seit längerem bereits. Etwas, irgendetwas — musste geschehen.
Die beiden saßen sich jetzt, fast aufrecht und manierlich, wieder gegenüber.
„Das müssen wir doch wie Männer klären können“, warf Herr Sarakusch ein. Mit haltlosem Gesichtsausdruck sammelte Lang noch immer die Luft um sich herum ein.
„OK, Götz , ich sag dir jetzt mal was, was früher schon mein Bruder zu mir gesagt hat — geh dir einfach ma´ ein wichsen, wenn du es nicht mehr zurückhalten kannst!“, sagte Lang.
„Mach dich nicht lächerlich, Werner!“, entgegnete ihm Sarakusch, mit einem nahezu verachtungsvollen Blick.
„Was will denn ein Mann in deinem Alter mit einer solch …?“, doch Lang stockte, und spürte, wie dieser Satz sich jetzt schon in seinem Hals, wie von selbst verschlang. Auch er war doch bereits 73, Jessie nun gerade einmal 26. Ohne aber, dass er es sich selber einzugestehen wagte, erschien ihm die Vorstellung, den nur zwei Jahre älteren Sarakusch zusammen mit einer so jungen und wahrhaft, wirklich bildhübschen Frau, wie Jessie, zu sehen oder sich bloß die beiden zusammen vorzustellen etwa, geradewegs lächerlich — absurd beinah. „Wie kommst du überhaupt … ich meine … dass sie …?“, warf er seinem vermeintlichen Freund (dem Sarakusch), daher nun vor.
„Ich weiß es einfach“, entgegnete dieser, offenbar etwas selbstsicherer sogar noch, als zuvor.
Tatsächlich hatte Jessie ihm gegenüber immer wieder gewisse Andeutungen gemacht. So zumindest — nach seiner Interpretation. Regelmäßig war ihm das junge Ding auf den Schoß gehüpft, sobald sein „Freund“ den Raum verlassen hatte. Dann streichelte Sarakusch ihr über die Wangen und tätschelte ihr Knie. Schüchtern und ein wenig pikiert, lachte Jessie dann verstohlen und unter vorgehaltener Hand auf, wie eine kleine Maus, der man die Luft abzwang. Was Jessie jedoch da mit ihm veranstaltete, war im Wesentlichen doch nur ein Spiel gewesen. Denn, die Geil- und Lüsternheit alter, potenzversiegter Männer zu beschwören, war ihr schon seit frühster Jugend her ein vertrautes Meisterstück der Koketterie — und durchaus auch lukrativ, wie sich zeigte.
Werner Lang zum Beispiel war, trotz seines hitzigen Gemüts, ein fürsorglicher Partner und nahezu unbewaffneter Liebhaber. Auch an Geld mangelte es ihm nicht, nur wurde er zunehmend zuletzt geiziger. Daher auch die, wie zufällig lippennahen, Küsschen auf Götz Sarakuschs Wangen, ab und an, die dazu geführt hatten, dass dieser jetzt glaubte, die dunklen Stunden seiner Einsamkeit seien endlich gezählt.

Werner ging zum Waschbecken um ein Glas Wasser zu trinken. Doch das stille Glimmen der Raserei bemächtigte sich seiner erneut. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff er nach einem großen Messer aus der Besteckschublade. Sein Herz schlug jetzt in einer Frequenz, die einem Maschinengewehr gleichkam. Götz Sarakusch blickte ungläubig und etwas entgeistert seinem Freund mitten ins Gesicht — dann zum Messer, wieder ins Gesicht, dann wieder zum Messer hin. Eine eisige und steinharte Maske hatte sich über Werner Langs verkümmerten Stolz gelegt, wie nun seine Augen zu lodern begonnen hatten. Der Götz (Sarakusch) richtete sich auch auf. Wahrhaftig fuhr ihm nun ein fürchterlicher Schauer durchs Mark, wie er die dämonische, wahnsinnige Fratze seines Konkurrenten auf Augenhöhe gewahrte. Noch immer war die Spitze des Messers unheilvoll auf ihn gerichtet. Es herrschte eine grauenhafte Stille, um sie beide herum. Die lediglich durch das lebensschwere, alternierende Atmen der beiden Widersacher unterbrochen wurde. Werner aber verspürte plötzlich einen brennenden Schmerz in seiner Brust. Fast schon taub fühlte sich die linke Hälfte seines Körpers an. Auch wurde ihm das Messer plötzlich unfassbar schwerer, während gleichzeitig seine Hand niedersank. Mit dem Ellenbogen stützte er sich gerade noch auf der Spüle ab.
Götz erkannte erst jetzt, was dort genau vor ihm eigentlich geschah. Der verkrampfte Ausdruck im Gesicht seines Gegenübers ließ ihn zur Besinnung kommen und ihm entgegeneilen. Werner aber blickte bereits in tiefe Finsternis. Und als Götz ihn an der Hand berührte, da — stach er zu.
Beinahe schmerzlos glitt die lange Klinge durch das weiche Fleisch am, und um den Nabelrand. Götz fasste sich dort, nun an den Bauch. Seine Hände waren voller Blut, sah er. Auch ihm wurde es allmählich bedrohlich schwer sich aufrecht zu halten, bis er bald nur noch den pechschwarzen Grund der Unendlichkeit (vor sich) sah. Fest hielten sich die beiden umschlungen, während sie gemeinsam niedersanken und zugleich dann, von der Dunkelheit ins Licht schwammen.

***

Zur genau jenem Zeitpunkt lag Jessie noch immer in ihrem Bett und genoss ihr eigenes Stöhnen. Und dachte dabei an ihren Stecher; Antoine.


BILD BY: Christopher Balassa