Schabenfreude

Direkt wie immer — mein: Imperium der Gelassenheit. Nach der Arbeit nach Hause kommen. Ich wagte noch immer, mich in Sicherheit zu wähnen. Und jetzt …

Gebt euch den. Und trinkt einen auf mich: Ihr Ernst?

Sie stand im Flur. Neben ihr die Koffer. MEINE Koffer. Und zwar gepackt. Ich hatte noch immer nicht geatmet, mich nicht gesammelt und nicht kloß-geschluckt — da begann sie schon zu flennen. Ihr Monolog hinterher war feinster, finsterster Kitsch.

Bämm!

Volle Breitseite. Uppercut. K.O. Ein Satz — ein ganz bestimmter, unter den unzähligen, hatte sich in meinem Gehörgang festgehakt.

— sag das nochmal, sagte ich.

Aber sie sagte nichts. Sie starrte nur. Ich starrte zurück. Mein Glück angeschissen, zerrissen, Stück um Stück. Was zuvor geschah?:

— mach dir keine Sorgen um mich. Du weißt — ich liebe das Leben,

ihr wortwörtlicher Wortlaut. Unmöglich. Ich stand zwar, lag aber wie erschossen in meiner Hülle. Glatter Blattschuss — mit SCHLAGERARSENAL! Als wäre das Leben ein scheiß Chanson. Willkommen auf der Beerdigung der Zurechnungsfähigkeit. Hier gibt´s nichts mehr zu lachen. Der totale Endabstieg — meiner scheinbar.

Nein! … ganz offenbar  Mal ganz davon abgesehen, dass das hier eigentlich mal meine Bude war, und die SIE mit zugezogen — vergessen wir auch all die Opfer, die ich für sie auf- und dargebracht hatte, wie: mit dem Rauchen aufzuhören, dem Fleischessen; dann sogar den Führerschein zu machen, einen Putzplan überhaupt anzuerkennen UND einzuhalten, die Poster abzuhängen, einen Plasmafernseher zu kaufen, mit dem morgendlichen Joggen anzufangen — dann noch meine immens geschmälerte Frequentierung der mir so essentiell geliebten Barbesuche, ja-fuck-man, ich fuhr mittlerweile sogar mit einem Sturzhelm Fahrrad (und schämte mich nicht-ma´ dafür) — und dann das mit dem ganzen Nippes, in der Bude, überall. Gardinen, ja sogar Gardinen. Was soll´s. Das Fitnesscenter-Pärchen-Jahresabo — egal. Die Yoga-Kurse … drauf geschissen. Der AIDA-Urlaub, was-soll´s. Wenigstens konnte ich den ganzen Tag besoffen sein. Ich wollte und konnte ihr auch nicht einmal übelnehmen — das ich mich hatte dressieren und abrichten lassen. Pussypeitsche.

Ich also stand noch immer da, in meinem Jack-Wolfskin-Annorak (die Pärchenversion, na klar) und schwitzte wie bekloppt. Was so sehr in mir brodelte und ich vielleicht hatte sagen wollen, endete lediglich in einem idiotenähnlich, offen stehenden Mund. Und sie? Sie zupfte das kleine Tischdeckchen auf dem Schuhschrank zurecht. Der ganze Moment dauerte schon zu lange an. Das Schweigen dröhnte fürchterlich durch den schmalen Flur. Ihr Gesicht sah aus, als sei es aus Wachs. Plötzlich hustete jemand im Wohnzimmer.

— das ist nicht-dein-ernst?!

sagte ich und schaute nach. Völlig gelassen saß der Typ da und trank MEIN Feierabendbierchen.

— wie steht´s?

fragte er.  Wieder zurück im Flur, sah ich vor Wut nur noch weiße Sternchen überall. Ich hätte beide verprügeln — und dann rausschmeißen sollen. Stattdessen nahm ich meinen so schön ordentlich gepackten Koffer — VERKACKT! — und ging einfach. Regungslos stand ich für ein paar Minuten noch immer im dunklen Treppenhaus. Bis es summte und unten jemand das Licht einschaltete. Der Pizzajunge — von MEINEM Lieblingslieferservice, kam mir entgegen und tat, als ob er mich nicht kenne. Ganz sicher war er für die beiden dort oben nur gekommen. Das nahm ich einfach an und fing an, mich über mich selber aufzuregen. Was für ein erbärmlicher Mottentanz das alles war. Ich tat das einzig richtige, das jetzt noch blieb — und lief in die nächstbeste Bar.

Wenigstens blieb mir die Scharbenfreude. Denn mit Sicherheit hatte sie ihm immer noch nicht gesagt, dass sie eigentlich mal ein Mann war.

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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