EPIKULOS

Bild: Christopher Balassa 

„Mein (sehr) später Ruhm“, so nannte ich meine, schon vor Jahren erschienene, Autobiografie. Das war kurz nach meinem Durchbruch – einer kaptitelvollendenden Epoche, voller maßlos-übersteigerter Sexgewaltexzesse, Drogenmissbrauchsarien und fragwürdiger, teils substanzloser Selbstüberschätzung. Wie alt mag ich da gewesen sein? Vielleicht 82/83.

Erst viel später, in der Besinnlichkeit des reifen Alters, wurde ich mir des Ekel-Horrors bewusst, den ich rücksichtslos und ohne Unterlass über alle Menschen in meinem Umfeld (und darüber hinaus) vergossen hatte.

Kurz vor dem Erscheinen meines Debütromans „Epikolus“, hatte die Welt mich scheinbar schon völlig abgeschrieben – wie auch andersrum.

Abgestellt auf dem Wartegleis der Würde- und Sinnlosigkeit, in Form eines verwesungsgeschwängerten Altersheims, bettete ich meine Hände im Schoß, um der in Reichweite lauernden Nähe des Todes zu entgehen. Meine sentimental senile Geisteskraft pulte aussichtslos an der Vergangenheit. Der Ohnmacht nahe, verweilte ich im Staub.

Caroline Mona Liza B. Anderson, damals noch Pflegerin, wurde später meine dritte Frau. Ein echtes Luder der Hightechtechnogeneration. Bekannt, auch heute noch, als Hauptdarstellerin Maggy Schikowsky, der unter meiner Regie- und Produktionsleitung gedrehten und zu internationaler Anerkennug gelangten „Postura Hura“ Pornofilmreihe I-XVII – die besten psychodelic Sadomasoalienmachopornostreifen der ganzen Szene. Auch ich selbst trat hin und wieder als Nebendarsteller, unter dem Namen Sexutus Holocuasci, auf. Zu jener Zeit bereits hatte ich ein schwerwiegendes Kokainproblem.

Einige Jahre zuvor, noch im Heim, war ich bei weitem nicht so verwegen. Mein einziger Lichtblick damals war Caroline. Immer wenn sie mich wusch, bekam ich einen eisernen Ständer und sie lächelte dann ganz andächtig. In ihren Mittagspausen, ab und zu, ließ sie mich ihre rosa-bunte Honigfalte lippköstlichen. Meine Erlebnisse während dieser Zeit, gepaart mit dem letzten Aufbegehren meiner Lebenskraft, bildeten den Kern des bereits erwähnten Romans. Und so begann es.

Das Problem mit Erfolg ist nur, dass er er ein´ nicht besser macht – ganz im Gegenteil. Zu Unrecht betitelte man mich als „genial liebenswürdiges Arschloch“. Streichen sie das „liebenswürdig“. Journalisten, die die falschen Fragen stellten, spuckte ich mitten ins Gesicht. Den Frauen, die sich mir hingaben, zerfetzte ich absichtlich das Rektum. Caroline, obwohl sie es weiß Gott versuchte, war es unmöglich, weiterhin mit mir zusammen zu sein. Und ich schäme mich auch, den darauf folgenden Wahnsinn meiner Verlorenheit hier in detaillierter Form wiederzugeben. Eine beinahe tödliche Überdosis aus Speedballs und Viagra, zwang mich zur Besinnung.

In der Reha schrieb ich Pornogeschichten für junge Heranwachsende. „Spermaklößchens Fickvernunft“ wurde indiziert, was dem Erfolg nur noch förderlicher war.

Erst als ich meine, leider erst kürzlich verstorbene, vierte Frau Ballentine Sobbenrand während eines Interviews kennenlernte, wurde ich mir meiner Verantwortung gegenüber der Welt gewiss. Als fast Mitbegründerin einer Zwei-Mann-Frauenband („Anal Mustard“), stand sie mitten im Leben und Saft. Ihre Liebe zerrte mir noch einmal das Leben aus den alten Knochen. Niemals werde ich ihren blassen runden Marmorarsch vergessen, wie er sich auf meinem Gesicht platzierte. Gemeinsam gründeten wir Pedopolis – einen therapeutischen Streichelzoo für sexsüchtige Nonnen, Priester und Mönche. Heute schreibe ich unter dem Pseudonym Pistorius London Kriminalromane im Rahmen einer futuristischen Gesellschaft, die den Sexismus überwunden hat.

Sorgen mache ich mir nur um meinen dreijährigen Sohn Calvinius Ulrich, der nicht nur in absehbarer Zeit droht, Vollwaise zu werden (ich habe unheilbaren Imitationskrebs, weil ich seit geraumer Zeit nur noch bei anderen Autoren klaue), sondern auch Tendenzen zur Homosexualität zeigt. Ich überlege, ihn vielleicht, es wie einen Unfall aussehen lassend, in der Badewanne zu ertränken. Es ist nicht mein verminderter Postumruhm, den ich fürchte, sondern Gott.


Eine der unveröffentlichten Geschichten aus — ERECTION PERFECTION

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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