Interview mit einem Problem

Probenlospole

aka

„Dummer Junge mit Knarre“


Auch genannt…168181_167990129914440_5720797_n
Siggi Lokalhasst. Der keine Kneipenlokalität verpasst. Oder Witz auslässt. Brutal. Er säuft und säuft — alles, was nicht fest am Tisch klebt. Den Aschenbecher erkennt er lediglich noch daran, dass er nach Filter stinkt und qualmt, sonst würde er…

Ebenso, brauch ́ man sich nicht alles merken, was er sagt. Manches aber lohnt sehr.
„Wife-beater?!“, fragt er mich, ohne zu fragen. Und bestellt. Zwei, vielleicht vier Glas davon. Mit Sicherheit kann man das nicht mehr erkenne, von meinem Drehplatz aus.

Lau, lauf, lauf raus, denk ich mir, kurz darauf beim Pissen, speedbedingt ist die Harnröhre verengt; und weil hinter mir einer mit mir zu reden versucht. Ist das mein Blut — oder nur Klostein, da im Steh-Pissoire? Egal. Heftig, halbwegs zielgenau strull ich den Plastikfußball jetzt voll ins Netz. „Bäm! Und-der-Mann-hat-kein-Abi“, schrei ich. Feierlich zelebriere ich — mich. Und gerate dabei dem anderen mit meinem Strahl als Knie.

„Na fein!“, sagt er, zippt zu — und holt weit nach hinten aus, als wenn er einen Ball wirft. Da geht die Tür auf. Siggi. Redet unendlich. Und rettet mich damit. Bald sitz ich mit beiden am Tresen.
Wie gesagt —

Wer glaubt, er könne sich mit einem Polen, mal so richtig mit Vodka versohlen, der muss hoffen, Russe, Finne oder wenigstens Slowene zu sein. Obwohl uns der kulturimplantierte Bier+Wurst-Habitus, wie auch Charakter eint — trennt uns doch die Schluckkraft. Ganz zu schweigen vom Durchhaltevermögen. Oder dem Schwarzgeld — direkt vom Bau wech. Umgemünzt zu golden, gelber Flüssigkeit.

Doch der Drink vor mir, der besagte — doppelte (oder quattro), sieht in seinem fancy Becher eher aus, wie ein Papagei, der sich im Mixer verfangen hat.
„Du Sergi…?“, nuschle ich, und versuch derweil die Frage nicht zu vergessen „…sag mal — warum eigentlich Wifebeater?“

„Na ist doch klar“, mein Gott freut er sich.
„Ja und? Sach ́ an, man“, fordere ich rülpsend ein.
„Na wenn du dir drei von den Dingern reinhaust … bei dir reicht gl(oa)b ich beinah … also, da reicht ja schon einer … also wenn du dir die reingefahren hast — hast du am nächsten Morgen so `nen Schädel, dass du erstmal deine Alte verdrischst. Deshalb“
„Macht Sinn“, sag ich, ins Glas hinein. Der Boden scheint derweil näher zu kommen.
Mein Gott…

Danach sah ich mich zum ersten Mal, und auch halbwegs bewusst, seit Längerem wieder mal im Tresenrückspiegel zurückschauen. Grütze DELUXE. Hack am Hals. Glückwunsch!
Wie zum Teufel — und warum war die Hälfte meines Schädels, inkl. Braue, so schlampig wegrasiert? Wie lange ging die Schose schon? Und wie kann ich es zu Ende bringen — ohne zumindest dabei draufzugehen.

Bequem versuche ja ich manchmal bestimmte Dinge, Ansichten und Anreden zu übergehen. Ausblendungsverfahren. Sinn-Blockade. Nur Alk, fatal, kommt durchs Futteralportal. Alles andere ist Rest. Da draußen. „Die Anderen“. Nur, das was übrig bleibt, und stehend, tresengelehnt Sorgen vor sich herschiebt. Austausch. Vom Bier, das reinkommt, und dem, was eben Problem war und wieder werden wollte sogar — einfach im Rückrad zurück lässt. Lass knirschen. Und die Bäuche blähen. Wer soll das alles nur verstehen?

Mein Blickwinkel, in jenem Moment: die Voll-Sentimentale. Da gibts doch was, vom Tresen. Oder nicht?. Denk ich?
„Lass heiraten“, sagt eine zu Seek&Destroy Sergius, die die ganze Zeit neben uns saß.

„Ich hab ne Band“, sagt er „In der spiel nur ich. DUMMER JUNGE MIT KNARRE. So heißt die.“
Und ich sag: „Serreg! Ich glaub ich muss………!“

Um ehrlich zu sein — ist mir diese Mal das „Interview mit einem Polen“ irgendwo zwischen den Zeilen abhanden gegangen.

Siggi Barlust ruft auch schon ständig bei mir an, um das nächste (interview) zu vereinbaren. „Wie war das(?) noch mal — geht ein Pole an `ner Bar vorbei…hehe…“, sagt er.
Ich lege auf.

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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