Ein blinder Augenblick der Nähe

Bild: Christopher Balassa 

Die kurze Erinnerung daran, dass es noch immer Sommer war, wehte ihr durch die rotgelockten Haare. Sie wartete bereits auf mich und lächelte. Es wurde plötzlich warm und wir betrunkener. Obwohl ich schweigsam war, war ich gut drauf — und drauf auch sowieso. Übernächtigt, ausgedünnt vom Nervenkostüm her, schien ich dem Abgrund offenbar ein bisschen näher als sonst — bereits schon am Rande sitzend, die Beine baumelnd, schwebend in der Luft.

Doch es ging irgendwie. Weil irgendetwas an ihr mich zu beruhigen schien. Im Stillen trafen sich unserer Blicke; jetzt schon immer mehr. Sie holte noch mehr eiskaltes Bier.
Selbst angesichts der kahl, kalt und rohen Stadt, die uns umgab, fühlte ich mich allmählich angekommen(er). Sie sagte:

— ich bin irgendwie erholt

— wovon?

— weiß auch nich ́

Grinsend und im Einklang, setzten wir gemeinsam an. Gluck und Gluck — wurde alles gut, und immer besser. Die Leute, die uns sahen, schmunzelten verstohlen, wissend, während sich die Straßen immer weiter leerten.
Unsere Gemüter aber füllten sich an mit etwas anderem.

— gehen wir dann?

fragte ich.

— ja!

Dabei sah sie mich dermaßen an. Ein wenig wankend, innerlich und auch nach außen hin, sah ich ihr darauf, verwundert, beim erstrahlen zu. Alles war so sonntag irgendwie.

— trinken wir da vorne noch eins?

— na klar!

Meine Schläfen und Lider brannten. Doch suchte mich unentwegt ihr aufgewecktes Augenpaar. Letztendlich kam sie mir nah; und näher, auch wenn sie mir unbewegt noch immer gegenüber saß — mit einem Grinsen um den Mund herum (das alles heißen konnte).

Ich brachte sie noch bis zur Tür. Ich stellte nur kurz mein Fahrrad ab, doch derweil fraß sich ihr Blick, mir durch meinen Rücken, wie ein brennend-heißer Klingenstrahl. Mein überstrapaziertes Herz schickte sich aus mir aus der Brust zu springen.

Und als ich mich umdrehte … spuckte sie mir ins Gesicht, ging rein und schloss die Tür hinter sich zu.

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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