pink shot or not?

Autor VS. Verleger

Zur Frage der Vulva-Frontalaufnahme —
Ein Streit, ausgetragen in Form zweier Essays. Erschienen im aktuellen  
Giddyheft.

Und wer sich jetzt fragt — was zur Hölle eigentlich ein PINK SHOT ist?

pink shot = Foto einer geöffneten Vulva.
(aus: wikipedia.org)

I. Der Autor

Auf einmal da — pink und nah.
Gemeint ist die Frontalaufnahme. Der fotografische Einblick ins Zentrum der Lust, die Draufsicht, in die innen nasse Falte. Süßer Mittelpunkt. Ewig feuchter Stern des Begehrens.
Mein Verleger scheint dagegen — fotografisch, mein ich.

Muschiparanoia, aber Pornorap geht klar. Aha. Es herrscht Uneinigkeit. Kein Mangel aber an Meinungen. Und hier herrscht meine:

Ich meine — magazintechnisch ist die Wirklichkeit kaum realer darstellbar. Die ganze Frau, pur, echt und unverschnörkelt, mit Mängeln oder nicht — klar; und deutlich, als ob sie da vor dir liegt, mit geöffneten Beinen — und du nur noch einen Schritt auf sie zu tun musst.

Und jetzt der Rückzieher!? Lieber wieder Decke drüber, getreu dem Motto: gehört sich nicht — so ungefähr? Als müsse eine Frau sich des Begehrens erst bewähren, durch entsprechend entbehrende Zurückhaltung und mysteriös anmutende Verschlossenheit. Wie eine Schatzkarte, deren Glod-Kammer der Empfängnis ohne eigenes Zutun und Eroberung unerreicht und unaufspürbar bleibt.

Zum Glück ist die Realität da durchaus ambivalenter. Denn wahre Tigerinnen im Dschungel des Beischlafs sind meist keine Jungfrauen mehr. Voll frontal zu sein ist ebenso der Frauen Recht.
Also — der Pink Shot ist hot. Vor allem echt.

Und weil ich hier gar nicht über den Geschmack streiten will. Der bleibt jedem selber, selbst wenn er schlecht erscheint. Klar, sehen manche Muschis aus wie Aliens, und für die meisten werden sie das wohl immer bleiben; obwohl sie Ursprung, so wie Ein- und Ausfahrt ins Leben sind.

An dieser Stelle breche ich den Gedanken besser ab. Unnötige Scham.
Ich der Titan der Porno-Belletristik — ich find ́s mutig (von euch). Weiter so.

von Yves E. 

II. Der Verleger 

Die Frontalaufnahme … und der Wunsch nach ein wenig Privatsphäre für die Darsteller. 

Mein Verhältnis zur Pornografie ist ein altes und gespaltenes. Es begann, als Mädchen zwar gerade interessant, aber – zumindest von mir – noch nicht angefasst wurden. Da wirkliche Pornos zu diesem Zeitpunkt außer Reichweite lagen, beschränkte sich meine Erfahrung in Sachen bewegter, erotischer Bilder auf im Nachtprogramm laufenden Filmchen der Sender VOX oder Kabel1. Als kleiner Junge im familiären Umfeld war der Genuss solcher Streifen aber komplizierter, als man es sich in Zeiten des Internets vorstellen kann:

Zunächst musste man das generelle Fernsehprogramm ausstehen. Heute undenkbar, aber man zappte den vollen Abend herum, nur um dann mitten in der Nacht das sehen zu können, was man sich vorgenommen hatte. Dazu kam, dass ich kein eigenes Zimmer mit Fernseher hatte, als Ort der erotischen Enddeckung blieb also nur das familiäre Wohnzimmer. Und das war eben nur leer, wenn der Rest der Familie bereits schlafen gegangen war. Dass es irgendwann ins Bett geht war jedoch nur bei meiner Familie sicher; wenn man Pech hatte landeten die Protagonisten des erwarteten Films, trotz „Erotik“ Markierung in der Fernsehzeitung, gar nicht auf der Matratze. Und selbst wenn: Zu dem Fahrstuhlsound der Neunziger, gerne mit etwas Saxophon, wurde die Szene nach spätestens 10 Sekunden der Darstellung des eigentlichen Liebesakts ausgefadet … Nie sah ich ein primäres Geschlechtsteil, selten waren die Protagonisten bei Ihrer Darstellung völlig nackt und immer war die Kamera mehr oder weniger in der Totalen. Jung, wie ich war, haben mir diese 10 Sekunden dann aber meist trotzdem gereicht.

Echte Pornos stellte ich mir dann so ähnlich vor, nur eben optimierter: Keine schlecht synchronisierten B-Movies vorab, keine unberechenbare Story, die man zwischen den Szenen mit offener Hose durchstehen musste und vor allem kein verdammtes Ausfaden! Die echte Darstellung von Menschen, die tatsächlich miteinander schlafen und nicht bloß die Bewegungen durchführen, aber Ihre Unterwäsche noch tragen.

Den ersten Porno bekam ich dann im Rahmen eines Videoabends mit Freunden aus der Schulklasse zu Gesicht. Wenn ich mich recht erinnere war das auch der einzige Moment, an dem ich einen solchen Film je mit Gesellschaft geschaut habe.
Nach eigener Aussage hatte noch niemand ähnliches gesehen; wir, oder zumindest die Jungs, erwarteten den Moment also mit gespannter Vorfreude. Nach dem ersten, regulären Film, es muss also so halb neun gewesen sein, wurde dann der Porno in den Recorder geschoben. Das war es nun also, hier und jetzt würden wir alle lernen, wie man Liebe macht. Wie erwartet gab es keine Story, hier hatte ich noch richtig gelegen. Die Fahrstuhlmusik blieb aus – kein Problem, der Kerl war schmierig und übergewichtig – nun gut, die Protagonistin war deutlich älter als erwartet – schon ärgerlich. Aber wirklich erschreckt hat mich nur die Scenenwahl. Beim ersten Reinstecken hatte mich die Nahaufnahme nicht verwundert, ich war ja schließlich interessiert. Dass die Kamera dann aber fast ausschließlich in dieser Position verweilte hätte ich dagegen nicht gedacht. Anstelle von Sex sah ich einen über den gesamten Röhrenfernseher ragenden Schwanz in einer unglaublichen Geschwindigkeit in eine Muschi hämmern. Beim Stellungswechsel ging die Kamera kurz in die Totale, nur um dann, sobald die beiden Darsteller wieder vereint waren, wieder in die Nahaufnahme zu wechseln. Schwanz hämmert in Muschi, nun aber von oben nach unten. Ich war schockiert.
Das, was ich hier zu Gesicht bekam, war noch viel schlimmer, als die vorher mühsam erkämpften Filmchen im Nachtprogramm. Das war Krieg zwischen den Beinen, eine Großaufnahme primärer Geschlechtsteile, ineinander verkeilt und sich gegenseitig verformend. Und auch wenn mich in dem Alter schon der durchscheinende BH einer Klassenkameradin zur Ekstase gebracht hatte: Eine Erektion war völlig undenkbar.

Diese Erfahrung scheint mich sehr geprägt zu haben, denn auch viele Jahre und eigene Erfahrungen später, tendiere ich heute noch zum Softporno. Dabei ist es gleich, ob Foto oder Film. Ich möchte keine Nahaufnahmen des Aktes sehen, sondern Körper. Ich möchte bei erotischer Fotografie keine gespreizten Beine sehen, sondern ein hübsches Gesicht, schöne Formen und zumindest ein kleines bisschen Geschick des Fotografen. Nichts lässt meine Achtung vor der abgelichteten Person schneller schrumpfen, als eine gespreizte Muschi im Fokus. Der Pinkshot ist der Inbegriff des Stumpfsinns, der Sieg des Triebs und die Reduktion eines Menschen auf sein Geschlecht. Jede Frau hat eine Vagina, aber diese ist nicht ihr ausschlaggebendes Körperteil und es gibt eine Unmenge an Dingen, die mich mehr anmachen.

Im Prinzip wünsche ich mir die Pornografie ein wenig wie die nächtlichen Filmchen. Klar, wenn ich jetzt wirklich Porno haben möchte, dann will ich da keine an den Haaren herbeigezogene Story, und ganz sicher habe ich keinen Bock mehr in ständiger Angst des Erwischtwerdens zu onanieren. Aber wenigstens haben diese Filme genug offen gelassen, um dann voller Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen auf eigene Entdeckungsreisen zu gehen.

von Max B.

BILD: CHRISTOPHER BALASSA 

Advertisements

Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s