Die Dessenzen

Am Morgen danach —
sah Kleio hilflos und auch zunehmend verstört an ihm vorbei, von der Küche aus in das geräumige Wohnzimmer — das voller raffinierter Accessoires und Bilder hing.
Wie in einer fürchterlichen Vision aber schien ihr, als ob die Wände und das gesamte Inventar dort bereits zu zerfließen begannen. Ein Alptraum. Romans Schweigen dazu wirkte beinah bedrohlich, ja brachial und gnadenlos. Die ganze Zeit über zerrte eine unbekannte Kraft Kleio in den Abgrund. Fast hätte sie ihn angeschrien, doch biss sie sich stattdessen auf die Zunge. Nur mit großer Mühe sammelte sie sich, und sah ihm direkt mitten ins Gesicht. Ebenso erstarrt, tat Roman das Gleiche.
Langsam, prüfend tastete sie sich blinzelnd voran: das Grübchen, die schmalen Lippen, die markanten Wangen und auch die braunen Augen. Alles war — wie es immer war. Doch Kleio schien, als sehe sie ihren eigenen Ehemann zum aller ersten Mal. Ja, tatsächlich — war es wahr!? Sie erkannte ihn nicht, nicht mehr. Er war ein anderer.
Jetzt stand er auf und ging ins Schlafzimmer, ins Bad und wieder ins Schlafzimmer. Die alltäglichen Geräusche der Routine kehrten wieder — nur eines nicht. „Kein Strom im Bad“, sagte er, während Kleio sofort sah, dass er unrasiert blieb.
Diesen Morgen gab er ihr keinen Kuss. Schon war er weg. Hysterisch rannte Kleio danach durch alle Zimmer. Sie setzte sich auf die Couch, aber nur kurz und ging dann zum Esstisch, rückte alle Stühle, die bereits in Reih und Glied standen, noch einmal zurecht. Als sie die Tischdecke auf dem Schrank zurechtzupfte, klappte eins der aufgestellten Bilder um. Sie sah etwas, das sie fast vergessen hatte.

Ein Foto der beiden, von früher — noch ganz am Anfang. Er trug lange Haare und einen vollen Bart und sie eine wehende, lockig braune Mähne und ein listiges Lächeln. Wie ein schlauer Fuchs sah sie aus und zeigte Zähne. Sie liebte ihn, weil er der Mann war, den ihr Vater hassen musste. Jedes Verbot, jeder Unwille seinerseits brachte sie ihm nur umso näher. Der offenkundige Protest einer jungen Studentin aus gutem Hause. Vielleicht hätte es ihr Vater besser wissen sollen.

Zuerst war es aufregend. Ein Abenteuer. Der junge Mann, der ständig lärmende Töne von sich gab, fast jeden kannte, immer wieder die Doktoren in der Vorlesung aus der Fassung brachte und dabei diesen ungewöhnlich klaren Blick behielt. Bis sie ihm endlich Hausverbot erteilen konnten, weil sie herausgefunden hatten, dass er gar nicht eingeschrieben war, und sich nur hier herumtrieb, um Ärger zu machen, wie sie meinten.

Doch Kleio ging mit ihm. Was ihr zunächst wie der größte Gewinn ihres Lebens erschien, erwies sich bald als größtmöglicher Verlust. Sie bekam kein Geld mehr von zu Hause und auch gearbeitet hatte sie zuvor noch nie. Sie versuchte es ein paar mal, blieb aber erfolglos. Roman machte weiter wie bisher, trieb sich herum, redete mit Fremden auf der Straße und ging abends in die Bars. Doch aus irgendeinem Grund war es ihr nicht möglich, sich von ihm zu lösen. Rein aus Starrsinn hielt sie weiter an ihm fest, selbst wenn die Situation schier ausweglos erschien. Sie wollte ihn formen, ihn besser machen und glaubte, dass es gehen würde, irgendwann. Nur widerwillig sah sie ein, dass sie am liebsten einen Mann aus Roman hatte machen wollen, der ohne weiteres als die Imitation ihres Vaters hätte gelten können. Das war die Wahrheit, die nun zunehmend aus der Tiefe ihres Herzens drang.

Jedoch, kein Kniff und Trick half, keine Bestechung, keine Atombombe der Weiblichkeit war ausreichend genug. Roman blieb der, der er war. Diese Leichtigkeit war nahezu beeindruckend, aber es fehlte Kleio einfach an Sicherheit. Und Zuversicht. Zukunft.

Die Unruhe ließ sie nicht einmal des Nachts in ruh. Meist spät und angetrunken kam Roman nach Hause, fiel wie ein Stein ins Bett und begann augenblicklich zu schlafen — und zu schnarchen. Kleio war erbost und frustriert über die Seelenruhe und Unbefangenheit, mit der er noch immer der, ihr doch als höchst gefährlich und prekär erscheinenden, Situation begegnete. Immer wieder auch nuschelte er, zwischen seinem Schnarchen, undeutliche Wortbrocken hervor.

„Halt doch endlich mal die Fresse!“, sagte sie, natürlich nur leise für sich, denn das Gestammel ging weiter „Und wenn du dich wenigstens mal rasieren würdest!“ Danach wendete sie sich zur anderen Seite, und versuchte hilflos einem ihr treulos gewordenen Schlaf hinterher zu jagen.

Doch am nächsten Morgen, als sie erwachte, weil Roman ihr einen leichten Kuss auf die Stirn gab, spürte sie es sofort. Der Bart war ab. Um seine Lippen war nichts außer glatter, weicher Haut. Verblüfft blickte sie ihn an. Ein ganz neuer Mensch. Sie fragte nicht weshalb oder warum, stand sofort auf und legte ihm die Arme um den Hals. Sie hielt ihn fest und rieb ihre Wange an den seinen, wie ein Kätzchen. Ein Neuanfang? Ein leichter Hoffnungsschimmer, mehr nur ein Hauch davon, begann in ihrer Seele Fuß zu fassen. Mehr als das geschah aber nicht. Sie wartete zwei Tage und machte leichte Andeutungen, die er augenscheinlich nicht begriff. Wieder war der Traum verpufft, sie lag wach und er schnarchte und stammelte weiter. Wie ein eisiger klarer Blitz schoss ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Nur um es zu testen, sagte sie, nachdem er gerade eingeschlafen zu sein schien „Lass dir morgen von mir doch mal die Haare schneiden!“

Und am nächsten Morgen, wieder erwacht durch einen Kuss auf die Stirn, stand er da, mit einer Schere in seiner Hand.

Für den nächsten Schritt aber bedurfte es mehr Planung, mehr Weitsicht und Kontrolle. Diese besaß sie scheinbar. Kleio ließ wieder ein paar Tage vergehen, auch wenn es ihr schwer fiel. Doch der Morgen kam. Auch diese Nacht hatte sie kein Auge zugetan, aber nicht aus Kummer oder Ärger, es war lediglich Nervosität. Wie ein Trainer vor dem Spiel, ging sie alle Taktiken und Züge immer wieder in ihrem Geiste durch. Alle Eventualitäten waren eingeplant. Kleio fühlte sich geradezu erhaben.
Den Anzug und die Schuhe hatte sie bereits gekauft, den Termin, sich als seine persönliche Assistentin ausgebend, war bereits vereinbart. Als Roman in der Nacht wieder etwas von sich gab, näherte sie sich seinem Ohr und gab ihm zärtlich alle nötigen Instruktionen. Pünktlich stand er auf, wusch sich, rasierte sich, schlüpfte in den Anzug und machte sich auf den Weg. Kleio begleitete ihn, um auch wirklich sicher zu gehen, dass alles wie geplant ablief. Und das tat es auch.

Als die beiden genau eine Stunde später aus dem riesigen verglasten Gebäude der Versicherung traten, hatte Roman einen neuen, hoch bezahlten Job. Auch wenn alle Dokumente und Zeugnisse gefälscht waren — dafür interessierte sich von nun an niemand mehr.

Fleißig und gehörig folgte er dem neuen Strang in seinem Leben. Immer wieder indoktrinierte sie ihn in den Nächten, aber auch das nur mehr aus Gewohnheit. Im Grunde war es überflüssig, bis auf einige kleine richtungsweisende Korrekturen. Innerhalb von drei Jahren war alles abgehakt und erreicht: das Auto, das Haus, das immer praller werdende Konto und ein paar nützliche, aber notwendige Versicherungen. Selbst der Vater konnte wieder zu Besuch kommen und war befriedigt.

Kleio musste sich um nichts mehr kümmern, war entledigt jedweder Sorge und konzentrierte sich ganz auf die Ausgestaltung ihrer selbst, ihres Hauses und des Gatten. Was für eine Hochzeit und was für eine Zukunft! Kein Wunsch blieb ihr je unerfüllt und auch jede Art von Streit gehörte innerhalb einer Nacht der Vergangenheit an.

Das einzige, was noch fehlte war ein Kind. Aber Kleio hatte eine ganz konkrete Vorstellung. Einfach schwanger zu werden, das wäre kein Problem gewesen. Das reichte ihr aber nicht, es sollte, es musste perfekt werden. Sein Wunsch, sein Traum hatte es zu sein. Nicht sie, sondern er hätte es als erster ansprechen sollen und das nicht auf Kommando, sozusagen, sondern ganz aus sich selbst heraus. Aber wie war das zu machen, fragte sie sich unentwegt.

Eine neue, viel weiter reichende Herangehensweise war unabdinglich. Der Begriff „Manipulation“ war ihr selbst niemals in den Sinn gekommen. Für sie war das alles nicht mehr, als die Hilfestellung einer fürsorglichen und um das Wohl ihres Mannes besorgten Frau.

Nun aber diesen Wunsch in ihren Partner zu implantieren, erforderte seinerseits geradezu einen wahren Schöpfungsakt vor dem Schöpfungsakt. Sie gab die Anweisungen und er führte sie aus — so war es bisher gelaufen. Kleio war weit davon entfernt, die hochkomplexen Mechanismen dahinter zu begreifen. Wie schwierig und unmöglich war es zu verstehen, was er selber dabei eigentlich dachte. Ihm schien die Arbeit doch Spaß zu machen, er war ja immer noch er selbst, sozusagen, nur im neuen Kontext.

Kleio konnte nur schwer die Aufregung verheimlichen, die sie bei der bloßen Vorstellung an das Gelingen ihres Planes empfand. Nun also musste sie lediglich, jedoch behutsam, einen Samen in seine Seele pflanzen. Mit ein wenig Geduld und Fürsorge würde dieser dann keimen, reifen und zu voller Blüte gelangen. So der Plan.

Jeden Abend, wenn er einschlief und wieder im Traum zu reden begann, legte Kleio ihm die nötigen Argumente nahe, gab dezente Hinweise und baute Brücken und Querverbindungen auf. Sehr bald schon hätte er von selber darauf kommen müssen.

Als Kleio wieder einmal freundlich, aber auch bestimmt, auf ihn einredete, erwachte Roman ganz plötzlich. Er riss die Augen weit auf und bemerkte, dass Kleio sich augenblicklich von ihm ab zur Seite wandte und so tat, als ob sie schlafe. Ihm war noch nie aufgefallen, dass sie in der Nacht redete. Verunsichert blickte er noch einmal zu Kleio, die tief und fest zu schlummern schien. Irgendetwas war hier gerade passiert, das war kein Traum, das spürte er ganz deutlich. Unklare Gedanken, auf die er sich keinen Reim zu machen wusste, die halbgar und verwischt sich zu einem unauflösbaren Knäuel verhedderten. Panik überkam ihn. Etwas Fremdes kämpfte in und mit ihm, um die Vorherrschaft seiner Gedankenwelt.

Am nächsten Morgen war er so durcheinander, dass er kaum noch sprechen konnte. Angekommen im Büro, überkam ihn ein weiterhin noch undefinierbares Gefühl. Er blickte sich um und ein unvorhergeahnter Ekel übermannte ihn. Irgendetwas dieses Horrors schien schon immer da gewesen zu sein. Hatte er so etwas schon einmal geträumt, schon einmal erlebt? Dieser Moment, der beinahe schon einer dennoch fragwürdigen und bedenklichen Erkenntnis glich, war neu, aber nicht fremd. Eigentlich arbeitete er doch nur, weil … Ja, warum eigentlich? Er sprach zwar mit den Kollegen, tagtäglich, dabei mochte er sie im Grunde nicht — die meisten wenig und ein paar noch weniger. Sein Job war banal und überflüssig, hinter allem stand nicht mehr als Abzocke und perverse Geldidiotie.

Ohne einen einzigen Abschluss an diesem Tag, das erste Mal in all den Jahren, machte er sich wieder auf den Weg nach Hause. Wie immer hatte seine Frau gekocht. Mit einem verkrampften Lächeln begrüßte sie ihn und legte ihre Arm so fest um ihn, dass er kurzzeitig kaum noch Luft bekam. „Wie war dein Tag?“, fragte sie mit einer Stimme, die nur noch ein dünner Faden war. Aber er antwortete nicht und setzte sich. Es vergingen einige eisige Minuten, ohne jegliches Wort. Immer mal wieder schien Kleio etwas tiefer einzuatmen, um etwas sagen zu wollen, doch sein an ihr aufprallender Blick hinderte sie daran.

„Ich werde vielleicht kündigen“

„Wa-has?“, und selbst ihre Augen schrien gleichzeitig mit auf. Ein tiefes Entsetzen stand ihr geradezu ins Gesicht gestanzt. Roman schaute ihr ganz genau und aufmerksam dabei zu. Die Angst war echt, aber die Überraschung nicht so groß, wie sie versuchte vorzugeben.

„Nein warte…“, sagte er. Kleios Mund stand noch immer offen — fassungslos. Nur ganz langsam wagte sie, wieder durch die Nase einzuatmen. Vielleicht hatte sie sich nur verhört oder etwas falsch verstanden „ … nicht vielleicht! Ich werde ganz sicher kündigen!“, fügte er hinzu.

Der Rest des Essens war für beide wohl die reinste Qual, aus gegenseitigen Beargwöhnungen.
Das darauf folgende Ritual blieb jedoch erhalten. Roman räumte den Tisch ab, während Kleio ins Badezimmer ging und Wasser in die Badewanne einließ. Mit Sicherheit saß sie bereits schon drinnen, Roman jedoch lief einfach weiter ruhelos umher. Auch hier wieder, im Wohnzimmer, hatte er dasselbe Gefühl, wie im Büro. Auf dem Schrank stand ein Bild. Er nahm es in die Hand: Kleio und er. Wie lange war das her? Wie war es damals eigentlich? Und heute? Heute war alles anders. Der Mann auf dem Bild war ihm vertraut. Aber er und jener waren nicht dieselben, waren an irgendeiner Stelle jeder einen anderen Weg gegangen. Sein eigener war eine Sackgasse, an dessen Ende dieses Haus stand, das im Grunde leer war, so leer wie er sich fühlte, wurde ihm jetzt klar.

Heute aber würde er nicht gemeinsam mit ihr baden gehen. Er wartete, bis er das Schwappen hörte. Dann ging auch er ins Bad. Kleio stand vor dem Spiegel und föhnte sich. Langsam zog er sich aus und legte sich in die Wanne. Das Wasser war dieses Mal lediglich lauwarm. Wie wild schleuderte Kleio indes den Föhn um ihre Haare. Von der Seite her sah er zwar nur ihre langen nassen Strähnen, aber im Spiegel ihr Gesicht. Es schien vor Wut und Bitterkeit zu zittern.

Er lehnte sich nach hinten und tauchte seinen Kopf unter, solange es ihm möglich war. Durch das trübe Wasser und die wellende Oberfläche erkannte er Kleios Bewegungen nur in Schemen. Warum ließ sie ihn nicht einfach in Ruhe?

Als er wieder auftauchte, wischte er sich das Wasser aus den Augen. Sie stand direkt vor der Wanne, mit ausgestreckter Hand, in ihrem Gesicht ein bis dahin noch nie gesehener Ausdruck von Verzweiflung und dem Blick einer unabdingbar zur Tat schreitenden Bestie. Da war kein Lächeln, keine Nähe, keine Wärme mehr. Die einst Obhut salbende Frau seiner Heimatstadt war in diesem Moment verschwunden, zurück blieb lediglich die eine Martyrium einfordernde Flamme der Enttäuschung und Enttäuschung. Roman spürte, wie eine beissende Kälte all seine Glieder, Gedärme und Gedanken zum Erliegen brachte — ein absolutes Nichts, ein Vakuum ohne Handlungsmöglichkeit. Hilflos war die Starre, in der verharrend er sich wiederfand. Rücksichtslos und grausam hatte die Realität ihn übermannt. Denn so hatte er es doch gesehen, auch wenn es eigentlich unmöglich war, derartiges überhaupt nur zu denken. Der Föhn in ihrer Hand war nicht bloß potentiell eine Gefahr. Roman blickte sofort in Richtung Steckdose, um die Reichweite des Kabels zu ermessen. Auf die kurze, aufwandslose Daumenbewegung Kleios, folgte der heiße, dumpfe Aufschrei. Beide blickten sich noch einmal tief in die Augen, Unaussprechliches sagend, versuchten sie Gewissheit über den anderen zu erlangen. Kleio ließ los.

Und gab somit die Antwort.
Als der Föhn das Wasser berührte, gab es einen Knall. Die Sicherung war rausgesprungen. Das gesamte Haus war sofort dunkel.
„Kleio?“, fragte er zitternd.
Doch er bekam keine Antwort mehr.

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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