Der falsche Sohn

An einem der Sofakissen versuchte ich unbemerkt, den Punsch an meiner Hand abzuwischen. Als ich wieder aufsah und zuerst nur mich, ein wenig fraglich dreinschauend, dann aber die Gesellschaft hinter mir, und vor allem meine Tante, mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen, in der Spiegelung des Fensters sah, war die Katastrophe bereits im Gange und das einstudierte Programm aus Gezeter, Vorwurfsarien, Schuldzu und -abweisungen eingeleitet. Was ich ihr denn getan hätte, fragte sie, vorgetragen in einer kehlkopfverengten, einen letzten Todesschrei simulierenden Tonhöhe, die alle im Raum schlagartig zum Schweigen zwang.

Alle Blicke waren vorverurteilend auf mich gerichtet, die Gesichtsmuskulaturen bereits auf pantomisierte Enttäuschung hinarbeitend. Da erblickte ich bereits die erste Träne, wie sie aus ihrem ummalten Auge perlte und sich wie ein Canyon durch die Schminkmassen grub. Noch sahen die anderen nicht, was ich sah, und es wäre wohl auch an mir gewesen, der Situation eine Möglichkeit zum Ausweg anzubieten, aber ich schwieg.

Sie setzte an. Die letzte Stille. Ein Einatmen. Und dann …

Noch bevor sie, während der Wendung, die Hände auf ihr Gesicht presste, sich alle um sie sammelten und mein Onkel sie tröstend in seine Arme schloss, will ich gesehen haben, wie sich die Täuschung und Raffinesse des von ihr vollzogenen Manövers an den äußren Rändern ihrer Augen und an den Brauen zu erkennen gab. Mein Onkel versuchte, so böse wie nur möglich zu gucken, was ihm, unterstützt von seinem schwarzen Rauschebart und seiner wölfischen Physiognomie, durchaus gelang. Dabei wusste ich, dass er von allen hier derjenige war, der mich am meisten mochte. Alle traten auf mich ein: das war klar, schon immer gewusst, kein Wunder. Schriftsteller sei gar kein richtiger Beruf, da sei auch gar nichts anderes zu erwarten gewesen. In der Schule schon und damals als ich…etc. etc. Meine etwas lasche und fade, personifizierte männliche Vorbildfunktion blieb, wie so häufig, schweigsam und saß noch immer in seinem Sessel, halb dem Fernseher zugewandt, in dem die Sporthighlights des letzten Jahres vor sich hin flimmerten. Die weibliche Konstante meiner, aller Meinung nach fehlgeschlagenen Erziehungsperiode, war sicherlich gewillt, der Choreographie beizuwohnen, hatte jedoch die von ihrem Spross auf sie zwangsläufig zurückfallende Schande, nicht ohne weiteres hinnehmen wollen und sich sogleich auf die Verfehlungen der anderen gestürzt. Den entscheidenden Punkt landete sie, als sie ihren Neffen mit ins Boot der Geächteten hievte.

Der war eigentlich nicht verkehrt, ein wenig dumm, ein wenig fett, jetzt aber im Begriff, mit seiner schwangeren türkischen Frau auszuwandern. Und während alle noch auf den, dank seiner Trägheit und Fettpelzigkeit, still erduldenden Cousin eindroschen und ich mich flüchtig der prekären Situation hatte als entzogen betrachten können, trat seine Schwester Emilia ein. Einige Haare, die es nicht zurück in den Zopf geschafft hatten, schwebten lose über ihrem Kopf. Als Folge einer allmählich abklingenden Errötung, zeichneten sich noch immer seichte Punkte auf ihren Wangen ab. Ihre erweiterten Pupillen, die aussahen, wie zwei große schwarze Knöpfe, ließen von der Farbe ihrer Augen nur dünne graue Ringe übrig. Ihre Mundpartie zeichnete sich jetzt aus durch ein befriedigtes, zum Zynismus tendierendes Lächeln. Sie betrachtete das Szenario, dessen Anstoß, aber nicht mehr Teil, ich war. Es war einzig der richtige Moment, auf den sie wartete. Jetzt fasste ihr Blick auch mich. Sie lächelte, atmete tief ein und öffnete ihre Lippen …

Damals, als wir beide noch Kinder waren, hatte ich sie nie leiden können, schon weil sie immer penetrant, laut und aufdringlich war, immer viel zu neugierig und energischer, als jeder Junge es auch nur hätte sein können. Dennoch, allein ihretwegen war ich heute hier. Sie bat mich zu kommen, wir müssten reden, es sei wichtig, sagte sie. Eben dies taten wir auch, unter anderem, nachdem sie mich, eine halbe Stunde zuvor, mit in das Arbeitszimmer ihres Vaters gezerrt hatte. Dort mit ihr zusammen, allein in einem Raum, kamen wieder alte Erinnerungen auf. Vor Jahren gab es eine Szene, die sehr peinlich war, für sie, für mich und ihre Mutter, die uns erwischte.

Als wir gemeinsam aus dem Zimmer traten, sie auf die Toilette und ich wieder zurück in das Wohnzimmer ging, indem ich mich ein wenig aufgeschmissen wiederfand, ausgeliefert und umringt von übertrieben schwülstiger Weihnachtsdekoration, inmitten eines siedenden Hexenkessels, war ich noch immer so aufgeregt, dass ich mir mit zittriger Hand den Punsch über die Hand goss.

Jetzt aber war ich wie gelähmt, schweißnass und scheinbar taub, ich konnte sehen, wie Emilias Lippen sich bewegten, aber nichts hören. Ihre Zunge schien mir wie ein Hackebeil, millimetergenau geschärft, das bereits im Begriff war, mit einem unerbittlichen Ruck zuzuhacken.

Da war es gewesen, das Wort. Inmitten dieses aufgetürmten zänkischen Schlagabtausches, war ein Begriff besonders hervorgestochen. Alle schwiegen und richteten ihre Augen auf Emilia. Keiner wollte es zunächst glauben, aber sie hatten richtig gehört. Ich sah meine Mutter, mit weit aufgerissenen Stieraugen, Emilia bereits eine Schlinge um den Hals legen.

„Er ist a-dop-tiert – und wir wissen es!“

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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