Das Dilemmata

Direkt vom Flughafen in Accra aus machte ich mich auf den Weg zum Lager, von dem Emil immer wieder in seinen Briefen sprach — gesprochen hatte. Zum letzten Mal vor einem Jahr.
Während der fast fünfstündigen kupplungskrächzenden Busfahrt, sah ich auf unterschiedlichste Weise immerzu nur das Gleiche, wenn ich zunehmend schwitzend aus dem Fenster blickte.

Trystess. Überall Dreck und Staub, der sich unablässig in sämtliche Poren nistete. Und dazu das fette Mistvieh einer blutrünstigen und landstrichausdörrenden, fast gänzlich roten Sonne, die erbarmungslos allem und jedem hier die Luft zum Atmen wegfraß.

Hin und wieder legten die jungen Frauen ihren aufgeregten Kindern zwecklos die Hand auf die Augen, während sie mich neugierig anstierten. Gemeinsam mit den besoffenen und sich offensichtlich sogar einpissenden Alten, betrachteten sie mich als Sensation. Für die sich, neben dem Fahrer, einzig das ganze mitfahrende Nutzvieh nicht zu interessieren schien.

Mitten im Nichts, dem Herz der aller leblosesten Pampa überhaupt — erreichte ich nun endlich mein Ziel, das offenbar End- und Wendepunkt der mir bekannten und auf einmal (wieder-)geliebten Zivilisation war. Ein unasphaltierter Schleichweg führte mich fußwärts bis zum Lager, das nicht mehr als eine Ansammlung notdürftiger Baracken war.

Die unzähligen Arbeiter sahen abgemagert und müde aus, mit ihren erbärmlichen, zerfressenen Lumpen am Leib. Stur- und Taubheit entgegneten mir, bis ich endlich das Haus des Lagerchefs ausfindig machte. Einsam, auf einem kleinen Hügel, stand es da, wie eine verblichene Erinnerung, völlig windschief und dem Einsturz nah. Gerade als ich eintrat, trugen sie einen schreienden Mann an mir vorbei. Jemand hielt ein abgetrenntes Bein in seinen Händen. Überall war Blut. Alle stiegen sie ins Auto und fuhren los. Eine rote Staubwolke breitete sich über der ausgebrannten Landschaft aus. Drinnen setzte ich mich in eine dunkle Ecke. Fast schlief ich ein und ignorierte dabei die dicke schwarze Frau, die bereits den Boden wischte und mich mit aufgequollenen Augen schamlos musterte.

Ein kleiner Mann mit breitem Gang und blondem Haar lief aufgeregt und hektisch an mir vorbei. Er bemerkte mich gerade noch rechtzeitig und sah mich beinah entsetzt an. Er wurde blass.
„Ich suche meinen Bruder“, sagte ich. Ohne eine Antwort zu geben, lief er in den Nebenraum.

Ich ging ihm nach. Hinter seinem Schreibtisch schaute mich ein alter Mann erwartungsvoll an. Er sagte etwas, das ich nicht recht verstand. Der blonde Mann flüsterte ihm ins Ohr. Der Alte bat mir seine Hand. Und stellte sich mir vor als Yuriy Damskiy.

Ich sah, dass er bedeutend jünger war, als ich zunächst angenommen hatte. Auf eine sehr merkwürdige Weise erschien er mir sympathisch und ja, sogar irgendwie aufrichtig. Wie ein Bauer vom Land. Das Gesicht mandelbraun gebrannt. Und die cleveren, fast gänzlich grünen Augen, waren voll von, ja randvoll von Sorgen und mit tiefen Furchen graviert. Ich fragte ihn nach meinem Bruder.

Er sprach durch seinen langen Bart: „Setzen Sie sich doch … bitte!“
„Nein … danke“, sagte ich.

Ich zögerte und tat es dennoch. „Und wo ist er?“, fragte ich.

Schon als wir hielten, war das Auto von einer Schar bettelnder, elend dreckiger Kinder umzingelt wurden. Ein Miniatur-Moloch — fürchterlich und voller Menschen, Müll und Unrat. Beherrscht von Chaos und Degeneration. Der ohrenbetäubende Lärm setze mir zu. Hier hielt sich ebenso alles betäubt unter dem Grabtuch aus rotem Staub versteckt. Mir war elendig zumute, und ich daher durchaus dankbar, als Yuriy und Josh mir sagten, dass ich hier im Wagen warten solle.

Bis sie mich zu einer Art Fleischergeschäft winkten und dort dem einheimischen Besitzer vorstellten, dessen glasige Augen genauso gelb waren wie seine Zähne. Allesamt gingen wir ins Hinterhaus.
In einem stinkenden Kühlhaus, zwischen Schweinehälften und Lämmerköpfen, hatten sie ihn aufgebahrt. Sein ganzer Kopf war aufgeplatzt. Ich bat jemanden um eine Zigarette und ging hinaus.

„Und, was haben Sie jetzt mit ihm vor?“, fragte Yuriy. „… der Strom fällt immer wieder aus … deshalb … “
„Kann ich ihn — irgendwie nach Hause bringen?“, fragte ich, im Wissen, wie naiv diese Frage doch letztendlich war.

„Mhh. Wohl eher nicht“
„Und jetzt?“
In diesem Moment kam auch der Besitzer dazu. Sein gelbes Lächeln funkelte mich an.
„Wenn einer meiner Männer …“, sagte Yuriy „ …bei der Arbeit, dann … ja dann — dann würde ich … aber in seinem Fall … wo er sich doch …“
Mir war klar, worauf sein ausweichendes Gestammel hinauslief.
„Wie viel will er denn?“
Hundert Dollar wolle der Besitzer von mir, sagte er. „Uns“, korrigierte er sich. Warum auch immer.
Ich ging selber zum Besitzer, der plötzlich, und wie zu erwarten, auch fließendes Englisch sprach. Für die Einäscherung samt Urne zahlte ich fünfzig Dollar und bekam sogar noch etwas zurück.

Der Tod meines Bruders überraschte mich weniger, als ich mir zunächst hatte eingestehen wollen. Denn seit ein paar Tagen bereits begegnete er mir immer wieder im Traum. Beim ersten Mal war noch alles verschwommen. Seine Lippen bewegten sich, doch blieb er stumm. Er stand vor mir, wie ein zerbrochenes Spiegelbild. Mit jedem Tag jedoch wurde seine Stimme klarer, deutlicher … und auch — wenn nicht alles unbedingt Sinn ergab, erfüllten mich seine Worte mit Furcht und Panik.

Dennoch fuhr ich am nächsten Morgen von meinem Hotel aus direkt zurück ins Lager und handelte mit Yuriy einen Deal aus.

Von Anfang an jedoch hatte ich die meisten Probleme mit Josh, der auf eine gewisse, aber mir unverständlich gebliebene Weise, Yuriys rechte Hand und Partner war. Ruhelos und listig — ein entlaufender Irrer, wie sie meinten; durchtrieben, wenn auch von Einsamkeit und Wut beherrscht. Vom Geschäft selber verstanden weder er, noch Yuriy etwas — wie mir allmählich zu dämmern begann.

Allein Emil halber, wie ich erfuhr, hatten sie Glück gehabt — zwei Mal. Doch jetzt steckten sie bis zur Kehle im Schlamm fest. Wortwörtlich, denn selbst, wenn wir im Graben standen und die Maschinen dröhnten, kam es immer wieder zu Streitereien, meist sogar Prügeleien. Und immer war Josh dabei. Ihn aber in den Griff zu bekommen, schien ein gänzlich zweck- und aussichtsloses Unterfangen zu sein.

Wenn ich Abstand suchte, zog ich des nachts immer wieder durch die sich allmählich leerenden Barackenreihen. Die schwarzen Arbeiter lebten vom Rest von uns abgesondert, in ihren eigenen Behausungen — und Strukturen ebenso. Offenbar war es Emil, der sich als einziger unter den Weißen für sie interessiert und respektvoll zeigte, gelungen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Weshalb nicht zuletzt wohl auch der einzig und längst vergangene Ansatz eines reibungslosen Ablaufs, allein ihm zu verdanken gewesen war — nun aber nichts dergleichen mehr vorhanden war oder der Mühe überhaupt Wert erschien. Wie arrogant wir waren.

Da offensichtlich alle wussten, dass er mein Bruder war, war auch ich hin und wieder, je nach Pegel oder Stress der vorangegangenen Arbeitstage — zumindest nicht so sehr ungern dort gesehen wie die anderen.

Diese Nacht luden sie mich zum ersten Mal auch ein. Nur ein paar Kerzen brannten in dem sonst stockfinsteren Verschlag. Ich hatte Geburtstag. Niemand sprach ein Wort, doch tranken wir übel riechenden, selbst gebrannten Schnaps. Später nahmen wir Ketamin dazu — eigentlich ein Pferde-Betäubungsmittel, jedoch durch die Nase eingenommen, hatte es außer der Lähmung auch eine akut psychedelische Wirkung zur Folge und rief durchaus heftige Halluzinationen hervor.

Zunächst war ich wie blind, als ich auf wackeligen Spaghetti-Beinen die Baracke verließ. Doch dann — die Sterne, die am Himmel tanzten. Ich schien der Realität gänzlich entbunden zu sein.
Ein riesiger schwarzer Mann setzte sich zu mir. „Dein Bruder ist noch immer hier“, sagte er. „Ruhelos ist er und sucht dich“.

Tatsächlich traf ich ihn — im Traum, auch diese Nacht.

Josh war dagegen. Doch Yuriy glaubte an mich. Wir gruben an einer neuen Stelle, die dieses Mal ich angab.
Unser Erfolg war immens, und manche Nuggets sogar kinderfaustgroß. Jedoch mit dem Goldfieber brach auch der Wahnsinn aus uns heraus. Über Tage hinweg konnte man niemanden mehr finden, der ansatzweise nüchtern war. Eines Nachts hatte ich es mit Josh und den anderen so heftig übertrieben, dass wir das gesamte Inventar in Yuriys Haus zertrümmerten. Am nächsten Morgen wachte ich auf dem Boden auf — und hatte mich eingepisst. Ich wusste, dass mein Größenwahn mich allmählich in den Abgrund zerrte und dass es für mich an der Zeit war zu verschwinden.

Bis zur Pubertät hin hatte ich versucht, meinem Bruder Emil nachzuahmen. Alle mochten ihn, weil er einfach unglaublich im Umgang mit so ziemlich jedem war. Auch wenn ich ihn doch liebte, war er schon immer mein größter Feind. Irgendwann jedoch musste ich mir die Hoffnungslosigkeit meiner Imitation eingestehen. Erst sehr spät begann ich damit, mir ein eigenes Lebenskonzept aufzubauen. Jetzt aber war ich hier gelandet und ihm sogar noch in seinem Dilemmata gefolgt. Doch ich wollte auf keinen Fall so enden wie er.

Pure Panik bestimmte daher mein Handeln. Denn mit den Nuggets, die ich in meinem Zimmer versteckt hielt, fuhr ich in die Stadt. Ich war auf Kokain und schwitze fürchterlich.
„Kennen wir uns nicht?“, fragte mich der Händler.

Doch ich hörte ihm nicht richtig zu und stammelte lediglich vor hysterischer Ungeduld. Ich tauschte meinen Verrat gegen eine Menge Geld ein. Aufgeregt lief ich umher. Hinter jeder Ecke witterte ich Unheil. Bis ich mich in den Hinterraum eines etwas abseits gelegenen Cafés setzte und mich betrank, bis es dunkel wurde.

Nachts auf der Straße begegnete mir eine Frau. Sie war sehr wütend, weil sie dachte, dass ich Emil sei.
„Das heißt…?“
„Zwillinge — wir sind Zwillinge“, erklärte ich ihr.

Sie hieß Tannara und war die Ehefrau, die Witwe meines Bruders. Ob ich ihren Sohn, meinen Neffen kennenlernen wolle, fragte sie mich. Ich stimmte ein. Wir nahmen ein Taxi und fuhren in ihr Dorf.
Später, noch in derselben Nacht, musste ich mich einem Ritual unterziehen und dafür auf stinkenden Wurzeln kauen. Nach ungefähr einer Stunde setzte die Wirkung ein. Die Totenbeschwörung begann. Vier alte Männer sammelten sich um mich herum. Immerzu bliesen sie mich mit dem Qualm ihrer Zigaretten an. Ich war eingeschlossen in einem Kokon aus Rauch.

Als ich die Augen schloss, verlor ich augenblicklich das Gefühl für meinen Körper. Alles ballte und überlagerte sich. Ich erkannte Orte und Momente wieder, die Teil meines Lebens gewesen waren, aber auch solche, die mir völlig unbekannt und unerklärlich blieben. Und ich wandelte durch mondbeschienene Landschaften und Wälder. Dann wieder fand ich mich in absoluter Finsternis. Und stolperte in die ewige Dunkelheit hinein.

Mir war …
Ich glaubte, die Stimme meines Bruders zu vernehmen und seine Nähe zu spüren. Mein größter Wunsch war es, dass er bei mir bliebe, mir helfe und einen Ausweg zeige. Doch bald schon war er wieder verschwunden und ich — allein.
Ich glaubte, nie wieder in meinen Körper zu gelangen. Damit war ich einverstanden. Hier gab es nichts, keinen Schmerz und keine Reue. Keine Erinnerungen. Nur Stille, die wie ein Summen, wie das Wiegenlied des Meeres klang. Weißes Rauschen —
Als ich wieder zu mir kam, schien alles still. Tannara gab mir Wasser und brachte mich nach draußen. Mehrmals musste ich mich übergeben. Immer wenn ich meinen Kopf in ihre Richtung wandte, sah ich nur die zwei weißen Augen, die mir aus dem finsteren Firmament entgegen kamen. In diesem Augenblick war sie so wunderschön — doch auch fürchtete ich mich. Sie legte mir die Hand aufs Herz.

Sie zu küssen war, als wenn die Nacht mich in sich einsog.
Ich blieb, denn das kleine Dorf erschien mir damals wie eine nie versiegende Quelle der Lebendigkeit. Tannara und ihr kleiner Sohn wichen nicht von meiner Seite. Leider aber war auch Alkohol ein ständiger Begleiter des Alltags und Bestandteil des Zusammenseins. Bald schon verlor ich den Überblick und merkte kaum, welch großes Problem unsere Beziehung für die restlichen Bewohner des Dorfes war.
Eines Morgens baten mich einige Männer, mit ihnen zu kommen. Lange, sehr lange fuhren wir ins Nichts, ohne dass ich wusste, wohin. An einem Ort, fernab jeglichen Lebens, inmitten der Steppe, schmissen sie mich aus dem Truck. Die Sonne grinste auf mich — einen Sterbenden— herab.
Doch war ich noch nicht einmal in der Empfangshalle der Hölle angelangt.

Erst nach ein paar Wochen quälend langsamen Vorankommens, und dank unermesslichen Glücks, kam ich in die Stadt zurück und war völlig ausgebrannt. Ich versuchte mich verborgen zu halten und hoffte — irgendwie noch zu entkommen. Doch sie spürten mich auf und brachten mich ins Lager zurück. Sie fesselten mich und schlugen unentwegt auf mich ein.

„Nur wegen dir!“, schrie Josh mich an.
Meine tatsächliche Unwissenheit ließ ihn sich beinahe im Zorn verlieren. Wie es schien, hatte jemand den gesamten Ertrag des Lagers gestohlen. Erst später erfuhr ich, dass dazu Tannara und ihr Sohn bei einem Brand ums Leben kamen. Yuriy und Josh hatten deswegen immense Probleme. Wegen mir, sagten sie. Und waren völlig von meiner Schuld überzeugt.

„Man hat dich gesehen“ sagte Yuriy, mit seinem wutlodernden, musternden Blick. Mich selber aber umzubringen, getrauten sie sich nicht. Stattdessen übergaben sie mich der Polizei. Was eigentlich das Gleiche war.
Das Gefängnis war ein Alptraum, dominiert von Krankheit und Gewalt. Niemand glaubte ernstlich, dass ich auch nur mehr als eine Woche hätte, eher weniger.

Nach zwei Monaten war ich abgemagert und voller Beulen. Nur auf den sturen Gesuch einer weißen katholischen Schwester hin, brachten sie mich ins Krankenhaus.
Wieder träumte ich von Emil. Ich war mir sicher, dem Tode nah zu sein. Vor allem, als sie mich mit einem weißen Tuch bedeckten und wie eine Leiche in den Keller verfrachteten. Wo auch die Öfen standen. War ihre Geduld endgültig am Ende?

Ich war noch immer schwach und konnte kaum sehen, als sie mich in den fürchterlich nach allem stinkenden Leichenwagen schoben. Jemand hielt meine Hand.
„Wir fahren heim, Bruder“, sagte die Stimme, die mir so unendlich vertraut vorkam. Ich sah ihn an. Und dann …

Fiel ich ins Koma.


 

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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