MAN OVERBORED

— Verhalten in außergewöhnlich aussichtslosen Notfall-Situationen —

Die Autos werfen hohe Wellen über die Bürgersteige, während der Regen zerhagelt zuschlägt wie bei einer Hinrichtung — durch tausende von Kieselsteinen. Das Wasser reicht mir bereits bis an die Pedalen; bald bis ans Kinn. Kurz blicke ich hinauf. Meine Stimmung scheint dem Endzeit-Himmel gleich. Erbrochene Dunkelheit am Firmament. Das Fahrrad versagt. Ein Gedanke dringt mir merkwürdig leise, fließend nur, bis ins Mark — hinter den Schaufenstern scheinbar schwimmen Möbelstücke, wie auch Leichen. Mit letzter Kraft schwimme ich zum Vordach einer Bäckerei. Zwischen den Häusern fließt bereits ein Strom und wäscht den ganzen Müll der Stadt hinweg. Menschen.

Ein so derart essentieller Bewusstwerdungsvorgang, der unerwartet plötzlichen Gegebenheiten wirkt dementsprechend verstörend, und mit pathologisch tiefreichender Kraft auf mich (ein). Doch nach dem Nachschock schon folgt: die Wut, dann das Leugnen: „Nein!“, sage ich mir — doch wieder würge ich Wut; und nichts von Akzeptanz oder dergleichen. Was bleibt jedoch, ist: konstant panische Verzweiflung. Und meine vehemente Brüsketterie … über all das. Und all das ALLES hier. Was scheiße war.

Doch das entblößende Entsetzen — begreife ich jetzt, auf einmal; betrifft ausschließlich mich, und nur mich allein. Denn ich bin mit meiner selbst noch immer nicht im Reinen — wann und wie auch? Und ich gar nicht bereit daher … zu sterben.

— vielleicht hört ́s ja wieder auf?!

ruft mir eine schrille Frauenstimme — von oben, dort aus dem Fenster zu. Am besten wäre es, ich glaubte ihr. Wie alle; wie sie ́s mit Gott machen — oder anderen. Oder andersrum.

Doch der Flutpegel klimmt, und steigt indes unaufhaltsam weit voran, und weiter hinauf. Und schon zerrt und reißt der Strom an meinen Sohlen. Und ich hier unten  … stehe ich jetzt als einziger, für all das, was mal wahr war, oder es sein wollte — ein? Allein, bis auf die vorbei zischenden Nichtschwimmer und Bleichen — ach fuck! — war heut nicht Muttertag? Ich erinnere mich grad. Sie hat irgendwas gesagt, gestern von…


Bild By: Christopher Balassa 

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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