Mehr Jungfrau

Die Bank auf der ich saß, war eingelassen in eine Brücke aus braunen Steinen. Erst jetzt erkannte ich die Meerjungfrau, die rechts über mir ihr Dasein fristete. In ihrer linken Hand hielt sie eine Art Muschelharfe. Was mich aber noch viel mehr irritierte, war das ähnlich wie zwei Beine gebildete Paar Flossen. Ich hatte immer gedacht, Meerjungfrauen besäßen nur eine davon. So hingerissen und fasziniert war ich, dass ich erst verzögert erkannte, wie pikiert die junge Dame über mein unentwegtes Starren war.

Sie stellte klar, dass es da nichts zu gaffen gäbe, ob ich denn keinen Anstand besäße und dergleichen. Eigentlich hatte sie ihr Lied für mich singen wollen, meinte sie, wobei ich mir schon dachte, dass ein einziges Lied doch ein sehr mageres Repertoire sei, aber ich sagte nichts dazu. Ich versuchte klarzustellen, dass es lediglich dem Umstand des Straßenlärms geschuldet sei, dass ich keinen ihrer lieblichen Töne vernommen hätte. Dabei wusste ich ganz genau, woran es lag. Sie war aus Kupfer, oxidiert und grün wie alte Kirchendächer. Wir hatten einen schlechten Start, das sah ich ein, aber jetzt wurde das Ganze allmählich zäh und lästig — viel zu kompliziert. Es war nicht meine Absicht, Gefühle zu verletzen. Ich machte Anstalten zu gehen. Warum ich denn immer fliehen würde, wenn es Probleme gäbe, ob das denn erwachsen sei? Solle das immer so weiter gehen mit mir?

Damit war meine Tarnungsschale aufgeflogen und einzig ein verletzter sensibler Junge blieb zurück. Sie hatte einen Nerv getroffen und gleich erkannt, wie machtvoll sie sogleich auch war. Die Lawine ihrer Vorwürfe rollte über mich hinweg. Jeden Fehler meines begangenen Lebens kramte sie hervor. Das alles hätte man aber auch ahnen können. Denn vom Sternzeichen her war ich Fische und da sollte man immer einen weiten Bogen um jede Art von Jungfrau machen, hatte zumindest meine Mutter immer gesagt.

„Fuck that bitch!“

Der hatte gesessen. Und die Meerjungfrau schien zutiefst verletzt. Brüskiert- pikiert schaute sie drein.
Zu Laurence, der sich mit seiner gelähmten rechten Seite, festgekrallt am Rollator, bis hierher geschleppt hatte. Somit hatte er mich nicht den Krallen, sondern den Flossen der gehässigen Jungfrau entrissen, mit ihrer abgekupferten Sirenentaktik. Ich kannte Laurence noch aus besseren Tagen. Da war er ein begnadet leidenschaftlicher Gitarrist gewesen, hatte sogar mal Jamsessions mit B.B. King und Mr. Slowhand persönlich absolviert — nach eigenen Angaben. Aber ich sah keinen Grund, ihm zu misstrauen. Er wirkte wie eine ehrliche Haut. Jetzt hatte ihn ein Schlaganfall nicht nur um die Hälfte seiner Körperkontrolle gebracht, sondern ihn auch blitzartig um Jahre altern lassen. Früher noch, immer unterwegs, ohne feste Wurzeln zog er durch die Länder. Jetzt saß er hier fest, niemand da, keiner kannte ihn, eingepfercht in einem Heim für Alkis und Abgestürzte. Ein sehr dürftiges Los, mit null Aussicht auf Gewinn und zu allem Überfluss konnte er nicht einmal richtig Deutsch. Seine Locken waren zerzaust und fast vollständig ergraut. Sein Blick war noch voller Aufbegehren. Der Typ hatte noch nicht aufgegeben, aber man sah bereits, wie der Schleier, vom Weißen her, versuchte, sich auf seine Iris und Pupille durchzukämpfen. Sein rechter Mundwinkel, in dem sich immer ein Tropfen sammelte, von dem man erwartete, dass er gleich fallen würde, es aber niemals tat, glitzerte nun im Sonnenlicht. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde er einfach eingehen oder eines Tages, mit dem Gesicht nach unten, zertrümmert vom unbarmherzigen Aufschlag auf unnachgiebigen Asphalt, auf der Straße liegen. Kein Heroismus, nur die Banalität des Lebens. Aber, dachte ich, vielleicht geschehen ja noch Wunder, auch wenn ich es bezweifelte.

„That old fishy cunt can go and fuck herself.“

Die beiden waren jetzt vollends mit sich selbst und miteinander beschäftigt. Und ich witterte endlich meine Chance, einen entsprechend gesitteten Sittich ausfindig zu machen.
Jedoch bewunderte ich die Leidenschaft der beiden — Musiker eben. Sie passten irgendwie doch ganz gut zusammen.


Bild by: Aina Pura Muela

Advertisements

Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s