Das Dasein eines Kellners

Stumm sitzt er auf der Bettkante und schaut an sich hinab. Er riecht noch einmal an seinem Zeigefinger: riecht sauer — riecht, wie zu lange offen gebliebener Wein, denkt er. Dann die Klospülung hinter ihm, sprüht bachspülend aus. Sein Blick geradeaus, an die fleckige weiße Wand.

„Das war nett“, sagt sie, während sie zurück aufs Bett krabbelt, „… gut mein ich“. Er spürt den leichten Druck ihrer feuchten Lippen auf seinem noch schweißnassen Nacken. Beinahe erschreckt er.

Sie dabei sagt: „Ich würde gerne wissen, was bei dir im Kopf abgeht, wenn du so dasitzt“

„Gar nichts … denk ich, wenn ich so, grad — wenn du ́s genau wissen … willst!?“, entgegnet er schwer.

„Ich würd ́ dich gerne mal malen. Genau so, wie du dreinschaust, wenn du dir unbeobachtet vorkommst“

„Warum?“

„Weiß nicht. Warum nicht?! Weil es noch intim-mehr wär‘ als — das hier“

„Du malst?“

Mit einem Satz sitzt sie aber bereits fast-breitbeinig … fast — und fasst dabei ihr rundes Gesäß muldend im ledernen Sessel ihm gegenüber ein.

„Eigentlich nicht“, sagt sie.

Er streift ihren Blick von sich ab; indem er sein Gesicht von ihr abwendet, und sie somit, bis zur Undeutlichkeit verschwommen an der äußersten Grenze seines Blickfeldes aussetzt. Sie raucht sich bequem; und langsam dazu. Träge dreht er sich ihr nun doch zu. Der Blick auf sie, sieht nur: schöne Beine, mit den etwas zu sperrigen Waden. Allmählich schleicht sich der Blick nach oben — stoppt aber. Im Schoß. Stöbert hinein. Wer könnte schon behaupten, kein Spanner zu sein. Und wer sich nicht hin und wieder wünschen, dabei auch erwischt zu werden.

Doch inzwischen kann er — in ihre Schenkel hineinsehen. Und auch sie, sie scannt ihn, obwohl es so aussieht, als schaue sie lediglich einem fixen, feigen, ausreitenden Gedanken nach. Mit offenem Mund, aus dem langsam geballt der Rauch aufsteigt. Sie lächelt.

Nervös benesselt er darauf die Matratze, zerrt am Zipfel der dünnen Decke.

„Was ist los?“ fragt sie.

„Ich weiß nicht“

„Hm“

„Kann ich auch eine — bitte?“

„Du rauchst?“, entgegnet sie — so langgezogen, dass ihm davon elendig wird. Schnippisch zischt er: „Gib einfach eine!“

Ihre Schmoll-Lippen tun ihm beinah weh.
Qualvolles Zögern, dann erst reicht sie ihm die Zigarettenschachtel. Ohne ihn auch nur einen „Augenblick“ aus genau eben jenem zu entlassen.
Es folgt der Hustenanfall, der sein Gesicht so lächerlich entstellt. Sie prustet unfreiwillig ein Kichern heraus.

„Ich weiß, ich bin albern, manchmal“, sagt er verstummend hustend, und zustimmend gleichzeitig.
Fürchterliches Schweigen folgt; dennoch.

„Ich find ́s süß, wenn du dich so jung aufführst“

Noch mehr peinliche Pause. Wieder widerlich. So etwas beherrscht alles.

„Was soll das heißen?“, fragt er.

Sein kalter Blick zielt auf ihre äußere Hülle, trifft aber direkt hinein. Dort jedoch, wo seine Stimme sich anpirscht und beständig versucht hineinzubohren — regt sich äußerlich nichts. Gar nichts.

„Ich wollte ja nur … es tut mir leid. War nicht so gemeint, aber…“, sagt sie.

„Weißt du…?“

„Was!?“

„Alles, was vor einem aber kommt — ist reine Lüge. Ich brauch was zum reinaschen“, sagt er.

Hastig drückt er jetzt die nicht einmal halb-gerauchte Zigarette aus.

„Du gehst?“, stellt sie die enttäuschte Frage, die mehr wie eine Feststellung klingt.

„Meine Frau, weißt du“.

„Mh-hm“

Er flüchtet vor ihrem Schweigen. Legt beim Rausgehen noch ein paar zer- knüllte Scheine in die blaue IKEA Glasschale, neben der Tür.

Tief atmet er die kühle Luft ein; draußen — und seufzt sie langsam wieder hinaus. Erst nach ein paar Schritten bemerkt er, wie orientierungslos er doch ist. Die Straße fremd. Die ganze Gegend.

„Du blödes Arschloch!“

Er blickt hinauf.

„Dafür hältst du mich. Du-blöder-alter-Wichser!“

Es rieselt wertvolles, buntes Papier vom Balkon. Landet und verweht allmählich.

Bevor er sich wieder aus seinem Versteck im Gestrüpp hervortraut, vergehen bestimmt zehn Minuten. Jedes Bücken beim Aufsammeln der weit verstreut herumfliegenden bunten Fetzen, schmerzt nicht nur im Rücken.


Bild by: Christopher Balassa

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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