Unermesslich hässlich


 …ist die menschliche Seele — eines Schweins

9.30 Uhr:
Meine Mutter liegt im Koma. Seit einer Stunde schon hört mein Vater nicht mehr mit dem Flennen auf. Stumm kratze ich an der Tapete, bis mir der Nagel bricht.
Die Schwester sieht ungezwungen aus.
Eine tätowierte Flamme schlägt aus ihrer Bluse.
Mein gegelt gestellter Charme bleibt wirkungslos.
Ich frage sie nach guten Drogen. Doch sie lächelt nicht einmal.
Ich gehe.

10.38 Uhr:
Ich bin betrunken. Die Leute in der Kneipe mögen mich nicht. Beim Bezahlen gebe ich zu viel — und bekomme nichts wieder. Den Rest schmeiße ich in die Maschine.
Gewinn: 10.40 €
Ich sage, ich bin gleich zurück.
Und bedauere meine Lüge nicht.

10.46 Uhr:
Auf der Straße überreiche ich einem Penner die 10€ und verhandle das Nicht- Ableben meiner Mutter aus.
Er scheint nicht allzu allmächtig zu sein. Oder vielleicht weiß er, dass ich noch 40 Cent in meiner Tasche hab. Ich solle lieber zu Gitarren-Joschi gehen, schlägt er mir vor.

10.51 Uhr:
Im Kaufhaus stören mich die Spiegel.
Meine Einsamkeit sieht nüchtern aus. Ich klaue einen Schal, den meine Mutter niemals tragen wird.

11.32 Uhr:
Auf der Arbeit schauen sie mich komisch an. Niemand scheint mich mehr zu kennen. Ein großer Mann bringt mich zur Tür.
In der Straße machen mir die Menschen Angst. Ich verstecke mich in einem Garten. Hier mache ich den Kindern Angst. Aber der Vater lädt mich zum Grillen ein.
Eine Stunde später schlafe ich mit seiner Frau.

13.07 Uhr:
Im Altersheim wird renoviert und meine Oma ist gut drauf. Wie immer verwechselt sie mich. Ich halte ihre Hand und ihr Kopf ruht an meiner Brust. Manchmal weiß sie, wer ich bin.

Die Pflegerin behauptet das Gegenteil und schmeißt mich raus.

13.57 Uhr.
Noch einmal gehe ich ins Krankenhaus und suche mir ein freies Bett. Dort schlafe ich zum ersten Mal (richtig) aus.
Als ich erwache, ist mein Essen bereits kalt.
In den Gängen bin ich ein Fremder unter vielen. Ein dicker Arzt zieht mich zur Seite und sagte, es sei sehr ernst.
Draußen bemerke ich, dass ich meine Mutter gar nicht besucht hab.
Und es eh das falsche Krankenhaus war.

15.14 Uhr:
Mit den Toten zu reden ist gar nicht so leicht, bemerke ich, wie ich auf dem Friedhof steh. Mein Perfektionismus bringt mich hier nicht weiter — ganz im Gegenteil.
Eine alte schwule Dame versucht es mit einem Gespräch. Ihren Rendezvousvorschlag schlage ich aus, weil ihr Hund mir widerlich scheint. Ich halte es nicht länger aus. Irgendwie bin ich gut drauf und gehe aus.
Das Kino ist fast leer. Also kann ich onanieren.

18:54 Uhr
Weil die Kellnerin so störrisch ist, bekommt sie einen Klaps von mir. Endlich passiert mal was. Ich werde plötzlich ganz ruhig. Die Schläge tuen gut.
In der Notaufnahme erkenne ich die Schwester wieder. Aber — ihre Tätowierung ist verschwunden. Ich besteche den Arzt mit einem Kuss, um Morphium zu bekommen.

Später. Mein Vater ist schon gegangen. Dafür ist mein Bruder da. Er erzählt mir von seinem Leguan. Vielleicht ist er noch schwuler, als ich glaube. Meine Mutter weigert sich noch immer mir zuzuhören.

Ich verstehe sie. Alle in unserer Familie reden zu viel. Dass ich so viel nehme liegt nicht an ihr, versuche ich ihr zu beweisen. Sie weiß, dass ich marode bin.

20:30 Uhr
Die Bar riecht wie ein Stall.
Ich mochte Alkoholiker schon immer. Die verstehen ihr Geschäft.
Auch Gitarren-Joschi kann mir nicht helfen, weil er Uwe heißt — sagt er. Ich zweifele.

23:59 Uhr
Auf der anderen Straßenseite sehe ich meine Ex-Frau (mit ihrem neuen Ex). Nur ein Panzer konnte so lieben.
Mitten in der Kreuzung begegnet mir ein LKW.
Ich blicke ins Licht.
Er ist ein bisschen härter als ich — denke ich.
Meine Mutter sieht zu —
und erwacht.

∞:∞
Vielleicht warte ich hier auf sie.

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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