In einer Reihe

Es war der schlimmste Tag, den ich je erlebt habe. Es regnete, Tropfen so dick, häufig, zahlreich und dicht. Mehr Wasser als Luft. Ein Bach, ein Wasserfall, diese Worte würden dem nicht gerecht. Unbeschreiblich. Mein Körper, meine Uniform, alles war nass und dass schon so lange, als wäre es nie anders gewesen. Der kalte Wind, der in immer heftigeren Etappen meine Hülle streifte. Ich zitterte, mein Körper war in ständiger Bewegung, dabei stand ich. Jeden Muskel spannte ich bis aufs Äußerste an, ich musste. Mein Blick war getrübt. Denn der Damm der Augenbrauen hielt dem Meer nicht mehr stand. Häufiges Blinzeln wäre mein Untergang gewesen. Der Ausbilder würde es merken, so wie er alles merkte, alles wusste. Wie durch eine Scheibe sah ich bald die nassen Perlen an meiner Netzhaut entlanglaufen. Ich war versteinert. Standhaft wie ein Baum, unbeugsam, dabei fühlte ich so wenig. Vor mir sah ich die kurzgeschorenen Nacken einiger Kameraden. Schier endlos liefen sie, in Reihe, rechts und links meines Blickes entlang. Der Kopf durfte nicht gewendet werden, es war streng verboten, weder nach oben, unten, rechts, links, jedes Nicken, jedes Zucken würde geahndet werden. Das war meine einzige Furcht. Etwas zu tun, das streng untersagt war. Die Strafe wäre mein Untergang, ich würde einfach zerbrechen, liegen bleiben, im selben Matsch, in dem ich immer mehr einsank, der meine schweren Stiefel nun immer mehr umschloss, ja regelrecht an ihnen empor kroch. Genau in diesem Schlamm würde ich dann versinken, eins mit ihm werden, man würde keinen Unterschied erkennen. Leichte Vergehen, so etwas gab es eigentlich gar nicht, Vergehen blieb immer Vergehen, also solche, die milder geahndet wurden und zwar nur weil der Ausbilder gerade in diesem Fall milde war, wurden mit Liegestützen bestraft, für alle. Die Liegestütze für Nachlässigkeiten der anderen waren schon lange unmöglich, dennoch machte man sie, auch wenn man nicht wusste wie. Aber das alles war nichts im Gegensatz zu den Liegestützen, die man selber verschuldet hatte. Die Qual war unerträglich, die Schmach, der Selbsthass, hier und jetzt – es würde mich zerstören, brechen, nach wenigen Sekunden würde ich zu Erde werden, noch mehr zu Dreck. Zwar hatte ich das Glück, eine derartige Last noch nicht auf meinen Schultern verspürt zu haben, aber ich würde dem nicht standhalten, nicht jetzt, in diesem Moment, und überhaupt. Wir standen in einer Reihe, auch wenn ich sie nicht sah, ich wusste sie waren da, rechts und links von mir. Dasselbe vor mir, dasselbe hinter mir, überall. Wir waren eins, noch viel mehr als das. Die schrillende Stimme des Ausbilders kam nun allmählich immer näher. Sie war jetzt das einzig vertraute in meinem Leben. Ich kannte sie viel besser als meine eigene. So merkwürdig es auch klingen mag, sie gab mir Kraft. Sie erweckte in mir Furcht, viel größer als alles, was ich mir je vorstellen könnte. Auf diese Stimme war alles eingestellt, mein Wesen, mein Leben, meine Aufmerksamkeit. Ohne sie war ich hilflos. Jede Faser meines Körpers durchdrang sie, alles begann sich zu fokussieren.

>>Ihr Unwürdigen! Nichts habt ihr, gar nichts. Ich allein bin alles. Ich bin eure Mutter, euer Gewissen, euer Gott. Aber — ich bin auch euer größter Feind. Dass ihr Taugenichtse es euch merkt. Zwei Sachen könnt ihr auf dieser Welt machen; kämpfen und überleben. Und ich — nur ich sage euch, was von beiden ihr zu tun oder zu lassen habt. Habt ihr das verstanden?!<<

Keiner aber sagte etwas.
>>Habt ihr verstanden!!!!<<
>>Jawohl!<< drang es nun von allen Seiten. Was war nur aus mir, aus uns allen, geworden?


BILD BY: Christopher Balassa

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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