Lichtgeräusch

Ich spürte den kratzigen Teppich an meiner Wange und die über die zu kurze Nacht mit eingeatmeten Flusen auf meinen Zähnen, während sie sich über mir die Butter hin und her reichten, als wenn nichts wär ́. Umständlich krabbelte ich unterm Tisch hervor. Vollends verwahrlost, durcheinander und durchweg benommen; schien ich nicht nur, noch immer ziemlich besoffen zu sein — sondern musste mir selber wie ein Monstrum vorkommen. Alle lächelten mich aus, wie ich mich zu ihnen setzte. An den Frühstückstisch. Mein Teller blieb, appetitlos, leer. Statt zu essen, biss ich mir im Stillen, vor lauter Schamqual immer wieder auf die Zunge. Dazu lauwarmer Kaffee. Blutleer und zerrissen, zerrieselte ich hier zwischen ihnen. Im Gegensatz zu mir wirkte sogar der weiße Teller wie ein fanatischer Solarium-Monatsabonnent.

Von der Stimmung her, sehrsehr unangenehm, — wurde es draußen zugleich zunehmend schöner. Ach, wie schön.
Ich aber schluckte, schluckte immer wieder gegen den bereits entzündeten Trauerklops in meinem Halse an. Bereits Melancholie infiziert, blieb auch der Anteil meiner Nüchternheit weiterhin gering.

— du solltest duschen gehen!
sagte die Frau mit kuchen-rundem Gesicht und dem knaben-kurzen, braunen Haar. Die ich, halb im Scherz, und halb im Ernst manchmal: „Mum“ nannte.

Ein elendiger Endzustand — während ich jetzt nackt auf den kalten Fliesen im Badezimmer stand. Doch mein Bauchnabel blieb nicht das einzige Loch in meinem Magen. Oder in mir. Ich kotzte in die Wanne und fummelte danach, die noch immer erstaunlich unverdauten Stückchen Dönerfleisch aus dem Abfluss.

Fürchterlich vertraut wendete ich mir selbst den Rücken vor dem Spiegel zu und stieg danach unter die Dusche. Bald gelangweilt von dem fast schmerzhaft ausbleibenden Höhepunkt meiner erfolglosen Masturbation, unter dem heiß-kalt alternierenden Wasserfallstrahl, gelang es mir letztendlich irgendwann doch, nahezu unter Qualen, mir den sicherlich promillestarken Schubberkleks aus der halbschlaffen Fleischtube zu schütteln — ohne dabei ohnmächtig zu werden. Was für ein Glück ich doch hab.

Anlaässlich der Konfirmation, der kleinsten Schwester meines besten Freundes, zog auch ich mir im Anschluss einen Anzug an.

Auf dem Weg zur Kirche wurden die mir geltenden Blicke nun doch eindeutig vorwurfsstärker. Dezent bat man mich, etwas distanziert vom Rest der Familie, im oberen Teil der Kirche Platz zu nehmen. Im Schiffchen. Durchaus dankbar schlief ich direkt ein. Mein grenzkomatöser Zustand- innerer-Lähmung hielt weiterhin an.

Unter der mir unbemerkten gebliebenen Obhut Gottes, schlief ich wie ein Baby. Und schnarchte, hörbar für alle. In die Schweigeminute hinein, (wie ich später erfuhr).

Ich war also das Nichts im Ganzen. Und erwachte zwischen bereits leeren Reihen; zunächst froh; und dennoch enttäuscht zugleich. Niemand schien mich zu vermissen.

Ich schlenderte durch die kleine, leise Stadt, in der ich aufgewachsen war — die verwunschen, trist und verlassen und mittlerweile auch zunehmend heruntergekommen da stand, wie sie offenbar schon immer da stand. Nur angestrichener. Vieles war schief.Doch ich traf nichts und niemanden, den ich erkennen wollte.
Bis ich E.´s Elternhaus erreichte. Nur ihretwegen war ich gekommen. Stimmt! Früher manchmal, saßen wir hier, wie zwei Menschen; zwischen all der Stille. Und wenn sie wieder einmal nicht zur verabredeten Zeit erschienen war und unauffindbar blieb, für Tage, richtete ich knirschend meinen Blick in Richtung ihres Fensters. So wie jetzt. Genau so…
Aus den aufgeplatzten Holz-Wunden der Fassade tröpfelte langsam der aller letzte Rest Blut-Lack (aus). Blassblau schien die Zeit zu verbrennen. Im Ganzen und im Stillen; nur für sich. Wie eine alte Katze. Die auf den Fliesen in der ungeheizten Küche stirbt. Kurios. Ich klingelte. Doch niemand öffnete.

Gegenüber, vor der ewigen: _ A N K S T E L L E

— trank ich mir zwei schnelle Bier und schwitzte durch die Augen. Die End-Täuschung der Rebellion. Die Vergangenheit war plötzlich nicht mehr, als eine zusätzlich, nervige Erinnerung an und in die Zukunft— schien mir. Wie auch immer…

… ich verabschiedete mich. Von was genau, weiß ich selbst heute nicht. Dann zog ich weiter und ging zum konfernalen Nachgelage.

Der große Saal fühlte sich schon direkt beim Eintreten fürchterlich unbequem an. Ich war einer der Letzten. Alle sahen mich an. Ich setzte mich auf meinen Platz — mein Name gestanzt in geschwungen, goldenen Lettern auf einem Tischkärtchen, stand ganz am Ende der U-Formation. Direkt bei den Kindern saß ich. Mittendrin wurde mir eins klar — dass meine Anwesenheit, seitens der Familie, lediglich noch einer gewissen höflichen Sentimentalität geschuldet, und ich lediglich geduldet worden war — bis jetzt, wo ich kein Teil mehr; von irgendwas hier war. So offiziell, dass selbst ich es mitbekam. Der Wein schmeckte nicht. Und der Platz neben mir — blieb leer. Wie mein Magen. Ich kotzte unter den Tisch. Und erwischte dabei ein kleines Kind, das dort gespielt hatte. Auch seine Tränen sah man vor lauter Kotze nicht.

so barbara


BILD BY: Christopher Balassa

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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