Winterhimmel ohne Lichter, auch keines in der Nachbarschaft

Still und dunkel war ́s in meinem Zimmer. Plötzlich die O-beinigen Schritte. Bevor die Tür aufsprang. Kleiner als ich. Und oft verbittert. Mit ergrautem Haar. War sein Blick stets klar und nüchtern, meist. Und manchmal auch bösartig verkniffen. Jetzt vor allem stechend [nur] auf mich gerichtet. Ich kaute blauem Qualm und blies ihn zischend zwischen meinen Zähnen aus. Berührte er mich doch so wenig. Als sei ich noch immer völlig allein im Zimmer.

— so geht DAS nicht!

sagte er. Wie wahr. Es war noch nie gegangen.

— ich rede mit dir, mein Freund?!

wieder er.

Alles fühlte sich plötzlich so lächerlich unfair — und schwer zugleich an. Seine Silhouette vor dem grellen Flurlicht wirkte nur noch absurderer, je länger er schwieg. Ich ließ die Zigarette fallen und trat sie barfuß ohne Schmerzen auf dem billigen Laminat aus.

— das bin ich ganz sicher nicht,

sagte ich. Er kam einen Schritt näher. Ich war bereit; bereits verzweifelt und auf alles gefasst — sowieso, sah ihn an. Unser Kater kam und schlich ihm um die Beine; schnurrte.

— verpiss dich einfach!

sagte ich. Wie sehr es in ihm brodelte, und Kraft kostete, sich zusammenzureißen, sah ich, wusste ich längst. Aber das war noch mehr. Ein

Punkt, ein gewisser, an den wir gemeinsam noch nie angelangt warem; bishwer — das schrie ich weiter:

— hau ab, endlich!

Sein Blick; schier fassungslos, tat er noch einen Schritt näher auf mich zu. Noch einen, und noch einen…

Er hob den Arm an. Gerichtet, richtend, nur auf mich allein, [war] sein jähzornig, stechender Blick und die Karate-Schlagkante seiner Hand.

— na komm schon! Mach-es-einfach!

sagte ich, und bemerkte nicht sogleich, wie mir dabei die Tränen über die Wangen rann.

Der wütende Glanz auf seiner fassungslosen Stirn wucherte zu Schweiß an. Wässrig bissen seine Lippen, sich aufeinander, hatten niemanden sonst, im Kampf mit sich selber. Doch lief ihm etwas, irgendetwas, was auch immer es jetzt war,  so roh und  plötzlich — wie ein Riss. Der über sein Gesicht hinweg zog, kurz bevor er seinen Arm nun wieder sinken ließ. Und danach ging. Ich hätte schwören können — etwas hätte gerade passieren, knallen müssen, wie ein Peitschenschlag. Doch nichts; fast Stille.

Schon mitten im Türrahmen wieder jedoch drehte er sich noch einmal um. So langsam wie ich noch niemals jemanden hab sich wenden sehen, blieb er darauf dort stehen. Kurz verharrte er zunächst. Stumm. Dann:

— ich schäme mich für dich. Nur, damit du bescheid weißt!

Zwei in einem leeren Haus. Ohne je daheim zu sein.


BILD BY: Christopher Balassa

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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