Furia

Altersfahl war das Grau der Noch-Nacht; doch mit einem Schlag verschwunden. Die geborgte Stille, die Benommenheit — alles wich dem Zwinkern, der über den Bergkamm stierenden Sonne. Furia. Von hier oben beobachteten wir fassungslos, wie der Strand nun zunehmend zu Gold — und-immer-goldener erschien.

Am Abend zuvor, überdosiert auf Morphium, war ich gerade noch so auf den Felsen raufgekommen. Jetzt aber war ein Abstieg, ein Ausweg ausgeschlossen.
Toll. Wie ein Großer — weißes Pulver weggesaugt. Hemmungslos, bis zum Besinnungsausfall. Der Austritt, Ausritt, aus der Haut und allem Physischem. Mein Bewusstsein wurde zu einem bunten Mantra-Mandela. Eine Reise durch das Astral. Der Unendlichkeit geweiht. Ihr jedoch auch zugleich ausgeliefert. Denn ich war einfach blindlings aus den Pforten der Wahrnehmung hinaus stolziert — um mich jetzt im Nachrausch in Ketten festgenommen vorzufinden. Hilflos, wie ein querschnittsgelähmter Rollstuhlfahrer, den man ins Freibadbecken stößt.

Panik überkam mich, die mich immer weiter in die Hilflosigkeit drängte. Dazu mein Magen, der sich verrenkte und die Gedanken, die umwandet blieben. Stets dieser Geschmack von Arsch in Schlund und Nase
WOW — dachte ich mir — niemand besiegt sich so schön selber … wie du selbst.

Es half alles nichts.

Ich versuchte den quallahmen Lähmugszustand einfach zu verdrängen. Es dauert bis ich mich sammelte. Der Novak saß noch immer da und grinste, versunken in seine Gedanken, in sich hinein. Und Manni — der lag nach wie vor, schon seit Stunden, seit Tagen, absolut regungslos in seiner Hängematte — die embryonale Heimatposition, die er fast ausschließlich des Nachts verließ und das lediglich zum Ziehen.

In den seltenen, nur vom Ansatz her klar-denkenden Momenten wurde mir schattenhaft bewusst wie sehr wir uns selber ausgeliefert waren. Und hängengeblieben sowieso.
Ich komm ́ hier nie mehr weg — dachte ich. Dieser Vorstoß des Gewissens, plötzlich da, kam ca. ein Mal pro Nachtquartal. Vielleicht zu recht. Doch ich verdrängte ihn. Meine Drogenaffinität ist grenzenlos. Und radikal.

Scheiß drauf — spätestens wenn ich im Rausch meinen Körper weit hinter mir ließ. Ein Mal so weit sogar, dass ich glaubte nie wieder zurück zu kommen. Es war wunderbar. Selbst wenn es gefährlicher, als es mir damals klar war, war.

— ich muss hier weg!
sagte ich.
Doch diese unvorstellbare Masse an Unmöglichkeit, allein schon einen einzigen Schritt zu wagen, in Richtung des kleinen Trampelpfades, der vom Restaurant hier hinauf zu unserer Hütte führte.
Bereits bei der ersten Stufe sackte, und brach ich beinahe zusammen — und wollte nur noch weinen. Der Novak, von oben her lachte, während er mich zugleich anfeuerte. Die Sonne, die erhaben über allem lag, und alles, was hilflos sich ergab, direkt mit ihrer eisernen Hitze niederpresste — außer mir.

Das dachte ich. Ehrlich; gefühlt brannte sie mir aber die Stirnhaut weg, bis auf den Schädelknochen. Schweißperlen fraßen sich mir ätzend in die Augenhöhlen, ich zitterte und jeder Zentimeter meiner Haut juckte entsetzlich. Was war ich, wer war ich und wie kam ich hier her — wie wieder weg?

Nichts, das vor mir lag, barg irgendwie Hoffnung. Schade. Auch kein Weg zurück.
Wie lächerlich. Ein Mann, ein Plagiat, das sich nicht einmal seiner selbst stand zu halten schien. Ich war kaum mehr in der Lage mir meinen Ausweg zu erkämpfen. So hing ich da zwischen den Stufen — und der Wirklichkeit fest. Unweigerlich überkam mich ein hysterischer Lachanfall, der mir aus der Tiefe, aus der er kam, beinahe die Rippen brach.

Irgendwann aber erreichte ich dennoch den Strand. Die Scheißhippis schwärmten bereits aus. Jeglicher Kontakt war zu vermeiden. Während jeder weitere, sinkende Schritt ein eigener Kampf für sich — gegen das Fallen, war. Wie verstörend; hoffentlich sieht mich keiner — dachte ich.

In meiner Hütte angekommen durchströmte mich eine schatten-kühle, ruhige Erlösung. Ich nahm zwei Valium, dann legte ich mich auf die Pritsche.
Klick — wie ein Schalter. Bewusstlos, tiefe Finsternis. Doch aber nichts, das dem Schlafe nahe stand.

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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