Erwachen

Nachdem ich erwachte, war das erste was ich sah, mein Sohn, der, vorn übergelehnt, auf mich hinab blickte. Ich sah noch immer verschwommen, die Augen verklebt, meine Wahrnehmung war schlecht und ich fand meine Brille nicht auf Anhieb. Sofort bemerkte ich, dass mein Sohn seinen besten Anzug trug. Der Geruch seines frisch gewaschenen Körpers, den ich ja als sein Vater kannte — auch nach all den vielen Jahren, blieb er für mich unverkennbar, erreichte meinen Geruchssinn, übertüncht von einer ekligen Kombination aus irgendwelchen Duftwässerchen und Seife. Ich versuchte meinen in die Jahre gekommenen Körper in eine halbwegs gerechte Sitzposition zu stemmen, was nicht einfach war. Das heimische Grinsen und die großen weißen, blanken Zähne verursachten sofort ein Gefühl des Unbehagens in meinem Magen. Oh dieses Lachen auf seinen Lippen, schon als kleiner Junge grinste er mich immer so an, altklug und herablassend. Aus der Position aus der er nun auf mich schaute wirkte es noch viel schlimmer als sonst. Wut türmte sich in mir, was sich nach außen durch das ballen meiner Fäuste bemerkbar machte. Am liebsten hätte ich geschrieen und ihn aus dem Zimmer geworfen, doch ich konnte gegen ihn und seine jüngere Schwester noch nie Grob werden, egal auf welche Weise, dessen wurde ich mir plötzlich bewusst und auf einmal erschien es mir als hätte ich einen großen Fehler begangen.

Um mich noch ein wenig mehr aufzurichten und nicht ganz so hilflos zu wirken klemmte ich das große Kissen zwischen mich und die Rückwand. Dann blickte ich zu meinem Sohn, starrte ihm dabei direkt in

die Augen, in der vergeblichen Hoffnung etwas aus seine Gesichtszügen und Gestiken lesen zu können. Aber auch in diesem Spiel war ich schon immer der Unterlegende; nie konnte ich auch nur ansatzweise erahnen ob er log und welche Absichten sich hinter seinem schönen Gesicht und den wohlklingenden Worten verbarg. Er erinnerte mich immer sehr an seine Mutter und nun versuchte ich mich an die guten Jahre zurück zu erinnern, die in Wirklichkeit nie gut waren. „Na Väterchen. Heute ist der Tag. Ich bin extra früh aufgestanden, habe mich zurechtgemacht und alles vorbereitet. Auch die Schwester trifft noch die letzten Vorkehrungen an sich und der ganze Rest der Familie wartet schon“.

Was all diese Worte zu bedeuten hatten wusste ich noch nicht recht, alles wirkte sehr sorgfältig bedacht, jeder außer mir schien zu wissen was bevorstand. Um mein letztes bisschen Glaubwürdigkeit nicht auch noch zu verlieren, versuchte ich meine Mimik derart zu modellieren, als wäre ich über alles im Bilde, dies alles geschähe nach meinen Wünschen. Aber auch diesen Kampf hatte ich schon verloren bevor er überhaupt angefangen hatte, ich sah es in seinem Blick. Sein Lächeln wuchs noch ein Stückchen, noch mehr seiner weißen Zähne gab er preis. „Du hast keine Ahnung was los ist Väterchen, stimmt?“ Ich nickte nur. „Heute ist es so weit. Ich werde dich umbringen müssen und dann wird alles mir sein. Nachdem du dich heute zu deinem Mittagsschlaf hingelegt haben wirst, werden deine Augen nie wieder tageslicht erblicken“.

Nicht das was er sagte störte mich, es war sein Ton, der so etwas grausam belehrbares hatte. Ich war es seit unzähligen Jahren nicht gewohnt so angesprochen zu werden; als läge ein Versäumnis meinerseits vor, dessen ich mich jetzt sogar noch schämen sollte. Ich hörte wie er krampfhaft ein lachen unterdrücken musste und neben den tiefen Schlag den meine Seele so eben erfahren hatte, als mir mein eigener Tod verkündet wurde, diese Botschaft war bei weitem noch nicht bis in mein Bewusstsein gedrungen, erhob sich ein ungeheuerlicher Hass in meiner Brust. Als ich gerade anfangen wollt aus voller Kehle und mit all meiner noch verbleibenden Kraft los zu schreien kam er mir sogar noch zuvor. „Lass gut sein, Väterchen. Mach dich einfach fertig und lass dir ruhig Zeit. Wir werden dann unten auf dich warten“.  Bevor er die Klinke der Tür benutzte schaute er noch einmal zu mir hinüber, schüttelte den Kopf, ließ eine Art „Tsz“ vernehmen und verschwand durch die Tür.

Da lag ich nun.
In diesem Moment wurde es mir klar. Der Kampf war verloren, die Türen geschlossen, der Tag verwirkt. Jetzt wusste ich alles. Vor meinem inneren Auge lief es noch einmal ab, so klar und deutlich wie ein Film. Ich erinnerte mich nicht an mein ganzes Leben, nein. Die Erinnerungen begannen mit der Geburt meines Sohnes. Wie der Samen den ich einst selber säte und den ich so sehr liebte, auch jetzt noch – gerade jetzt. All die Freude die ich an den ersten Keimen hatte, den ersten Recken und Strecken der Blüten. Nun aber stand ein riesiger Baum vor mir, der mir jede Aussicht auf Licht verwehrte. Ein Schatten war auf mich geworfen, der gewisser Maßen auf mich zurück fiel. Ich besann mich wieder, wie meine Kinder mich all die Jahre vorgeführt hatten, sich in der Hand die sie nährte regelrecht festgebissen hatten. Ja auch meine Tochter spielte all die Jahre nur ihr Spiel mit mir, wie die Marionette mit der ich ihnen damals immer Geschichten vorspielte, nur war ich nie derjenige der die Fäden zog. Immer riss sie ihre Augen auf und trübte ihren Augen glasig und eh ich wusste wie hatte sie alles bekommen was sie von mir wollte. Hatte ich nicht letzte Woche erst ein Stück Papier gelesen, das mich sehr verärgerte und gar stutzig machte? Sie jedoch schaute mich nur wieder so an und schon glitt der Füllfederhalter von selbst über das Papier und hinterließ meine unleserliche Unterschrift. Kein Wunsch den die beiden jemals hegten blieb unerfüllt, ob ich mir dessen klar war oder nicht. Aber ich liebte sie, so sehr, vom Anfang bis zu diesem Zeitpunkt ohne jeden Zweifel. Auch wenn nun alles in sich zusammenbrach wie eine matschige Sandburg, war meine Liebe zu ihnen meine einzige Gewissheit.

Ich schaute an mir entlang und hob die Decke ein wenig. Meine dürren alten Beine, wie die eines Storchen, verrunzelt und mit Flecken übersäht. Selbst Streichhölzer waren schwerer zu brechen. Was war nur aus mir geworden. Früher, ja da war ich noch ein Bild von einem Mann; groß und kräftig, breite Schultern, mein Bart so lang und schwarz wie die Mähne eines Löwen. Ich war der König, von allem. Die Leute getrauten sich nicht mir in die Augen zu blicken, wichen vor mir zur Seite, die gesamte Familie folgte meinem Wort und nur meinem Wort. Ich weiß noch wie meine beiden Kinder, als sie noch ganz klein waren, an heißen sonnigen Tagen immer in meinem Schatten spielte, stundenlang konnten sie so der Sonne entgehen. Doch das alles war jetzt hinfällig und lange vergangen. Niemand fürchtete sich noch vor mir. Mein Sohn hätte mich ohne Schwierigkeiten aus dem Bett hieven und durch das Zimmer tragen können, so wie ein Bräutigam seine Braut. Alles was ich hatte, war hart erkämpft worden. Nichts viel mir in den Schoß, Stein für Stein errichtete ich meinen Tempel, mit bloßen Händen riss ich mir die Beute, jedem Kampf, jedem Kontrahenten stellte ich mich. Das alles war vorbei, jetzt — genau in diesem Augenblick.

Die Entscheidung das Bett nicht mehr zu verlassen traf ich sehr schnell und instinktiv. Wenn es eine Möglichkeit gab, den Tag zu überstehen, ohne dem mittäglichen Dämmerzustand zu fallen, dann war es diese. Ein letztes Schlupfloch, noch einmal im letzten Moment der Schlange entgehen. Ich wusste — es war Hoffnungslos, doch aufgeben konnte ich nicht, etwas in mir regte sich noch. Es war so stark, das ich von innen her zu platzen drohte, lange Zeit hatte ich ein solches Gefühl nicht mehr verspürt. So zog ich mir die Decke bis unter den Hals und verharrte regungslos. Stunde um Stunde lag ich, sah die Sonne langsam an meinem Fenster vorbei ziehen, sah die verschiedensten Schatten sich in meinem Zimmer abzeichnen. Mittag war vorüber und ich war nicht in den Schlaf gefallen, den ich doch so gen genossen hätte. Einige Male musste ich mit mir selber ringen, vielleicht der schwerste Kampf den ich mich je stellen musste, um nicht doch nachzugeben und die Augen zu schließen. „Quäl dich nicht. Mach einfach die Augen zu und es ist vorbei, nichts davon wirst du spüren, von einer Traumwelt in die andere wirst du segeln, ohne das Schiff wechseln zu müssen. Mach es nicht so schwer, es kann doch so bequem sein“, sagte die Stimme in meinem Kopf, die nach Mittag doch endlich zum schweigen bringen konnte. Nun entschloss ich mich aufzustehen und das Wohnzimmer, das im unteren Geschoss lag, aufzusuchen. Ich behielt das Nachthemd einfach an, aus

Protest. Ich haätte mich noch einmal wie der Kapitän eines sinkenden Schiffes in volle Montur werfen können, doch damit hätte ich meine Schwäche und gleichzeitig meine Niederlage eingestanden. Nein wie ein König, der sich um niemanden scheren brauch, würde ich im Nachtgewand nach unten schreiten und den verdutzten Gesichtern meine unangreifbare Macht beweisen.

Mir ist klar, dass ich in diesem Moment schon völlig den Verstand verloren hatte. Ich zögerte nur alles unnötig heraus, lächerlich musste es wirken. Ich war noch zu viel Mensch, als das ich dem Lauf der Natur hätte Folge leisten können. Das alte wird vom Jungen ersetzt, wird zu Moos und Staub, bald in Vergessenheit geraten. Dies ist Plan, Gesetzt und Wirklichkeit.

So stolzierte ich nun die Treppe hinunter. Schräg unter dem Balken hindurch konnte ich schon eine Unzahl von Füßen erkenn. Die gesamte Gesellschaft wartete nur auf mich. Doch dann auf halben Weg brach ich zusammen, schlug mir den Kopf auf und rollte so die Treppe in ihrer gesamten Länge hinunter. Da lag ich nun, mit entblößten Genitalien, verrenkten Gliedmaßen und dummen Blick — tot.

Ich war nicht einmal in der Lage den letzten Abstieg in Würde zu vollziehen. Aber nun gut.

Kämpfen musste ich jetzt nicht mehr…


BILD BY: Christopher Balassa

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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