Lange gelbe Zehennägel auf abgenutztem Pflasterstein

Der Urlaub war scheiße.
Aber ein paar Tage zuvor noch, Daheim, war alles normal. Und so brannte die Sonne, an jenem Nachmittag lyrisch, wie Rammstein, dort, über uns, und über allem, am Firmament. Aber hielt sich leider lieber weiterhin im Verborgenem, hinter den Wolken, die wie olle Staub-Wollknäuel aussahen. Flusen, aus der hintersten Ecke des Abstellschuppens des Universums. Wie (die) Schuppen Gottes selbst.
Kurz bevor ich zum Losfliegen losfuhr, sagte Vattern doch noch etwas, spontan; und zwar:

bis denne; machs jut Groser! mäehn Liebstah und sei artich.

Ich sah ihn mit seinen langen tränenden Wangen, in den schamovalen Rückspiegel des Opels, von Opa, mir nachwinken. In seinem roten dünnen abgewetzten löchrigen Lieblings-Schlafanzug-Pulli, den er auch tagsüber, und eigentlich eh immer trug, zusammen mit der blauen, ja ich sag´s: Joggingausgehhose — wie er allmählich immer kleiner, und kleiner, und bald gar nicht mehr zu sehen war, und mir und meiner Abfahrt hinterherhinkend hinterher winkte und mir scheinbar hinterherrannte irgendwann sogar, als müsse er noch etwas sehr Wichtiges los werden, und er bis mitten auf die Straße trat, dort dann stehen blieb. Und schriei. Außer Sicht bald — und außer sich verhielt er sich wohl ebenso. Bis er an Ort und Stelle zusammenbrach, mit seinen frisch rasierten und nass-glänzenden Gilette© weichledernden Wangen(*1). Weiche, wie ein arschbackenblanker Apfel. Den man undankbar und übereilt, übersättigt am Busbahnhof der Ost-Jugend, auf den rostlosen rostrot gestrichenen KaltBeißendenEisenBänke vergessen hatte — ohne je wieder daran [zurück] zu denken … wenn man aufsprang, sobald der Bus in Sicht war.


(*1) Was ich alles [im Detail] selber erst im Nachhuinein von unserer Nachbarin, Frau Strengeisen, erfuhr.

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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