[Fastabend] Schatten, wie wir

Längst bis auf die Haut nass und durchgefroren, standen sie noch immer vor verschlossener Tür, kurz vor Tagesanbeginn, und waren froh darum, dass niemand ihnen öffnet — trotz mehrmaligem Klingeln…
Ein altes Mannequin mit unzähligen Schuppen, spallierte plötzlich zwischen (geöffnetem) Türspalt hervor — und sah entsetzlich zerzaust aus, raus. Sein Gebiss war über Nacht drinnen geblieben. Quer, zwischen seinen eingefallenen Wangen, schob er es quietschend hin und her.

„Guten Abend, Herr…“, sprach der verkniffen dreinscheuende Grauhaarige-[Polizei-Beamte], als Erster. Aber, hielt plötzlich inne — und spickte dann doch vom Klingelschild ab.
„Herr …… Fastabend; richtig!?“

Sein Kollege wendete die POLIZEI-Kappe, die er wie ein Lenkrad in seinen blass-blauen Händen hielt, zugleich gegen den Uhrzeigersinn.
„Dürften wir kurz auf einen Augenblick reinkommen, vielleicht?“
„Warten sie…ischsschehlkrz“, rasch wendete sich Herr Fastabend um.

Der Strichmund-Beamte, der als Erster gesprochen hatte, sah nun zu seinem jüngeren Kollegen auf. Beide zeigten sich bleiche: Ich-weiß-es-doch-auch-nicht-Gesichter — und folgten dem kleinen, buckeligen Mann daraufhin ins Innere hinein.

Nicht nur, da Herr Fastabend gerade aus dem Schlaf geworfen worden war, auch hatte er vergessen, wo? (auf dem Nachttisch, wo auch sonst?) und da — schon wieder vergessen, was? er, seine Brille nämlich, hatte liegen lassen. Manchmal schien ihm sein Leben lediglich nur noch eine aneinandergereihte-Folge-des-Vergessens zu sein. Ein Glück vergaß er seine Vergesslichkeit nun mittlerweile auch immer zielstrebig, geübt und zügiger. Mit jedem Tag, der verstrichenen; wart Gefangener er mehr und mehr — in seinem vergilbt und runzeligen Menschenkostüm, das ganz allmählich ein paar Nummern zu groß schien; (schwer zu tragen und gar unerträglich). Er stand mitten im Wohnzimmer, wusste nicht, woher? er, und wieder — was? er…

Und, er suchte weiter. Nach etwas, das er beim besten Willen — nicht finden konnte: „Verdammicht noch eins“, nuschelte er vor sich her.
Restregen tropfte auf den Teppich, rings um beide Polizisten; die noch immer wie angewurzelt, aber unentschlossen, klamm und beklommen — einfach bloß so dastanden, in ihren nass-glänzenden Regencapes, sicher froh waren im Warmen zu stehen. Und sich ab und an die Hände rieben.

***

„Verstehen Sie?!!!“, fragte der Jüngere jetzt, noch ein Mal. Sein Kollege schien abwesend derweil, beinahe erstarrt zu sein.
Immer noch verschwommen, und orientierungslos sah er zum (in) „MUTE“ geschalteten Fernseher. Shoppingkanal. Sein Magen rumorte. Die Bilder im Kopf — der, vom Beifahrersitz aus, [raus-]geschleuderte Junge, um die Leitplanke geschlungen; dazu die aufgeplatzte, zerquetschte junge Frau, hinter dem Steuer. So etwas; ist falsch, einfach nicht richtig, dachte er. Einen Schritt — weit entfernt, sprach sein Kollege: „Glauben Sie mir … ich, mein Kollege, alle anderen, dort vor Ort, wir haben unser Bestes getan, weiß Gott. Und ich wünschte, es bliebe mir mehr als ihnen bloß all mein Mitgefühl und Mitleid auszusprechen…“, was er hatte sagen wollen, war Beileid. „Gibt es denn jemanden, der nachher nach Ihnen gucken kann? Vielleicht, jemand aus der Nachbarschaft?“

Herr Fastabend sah verkniffenen Schlitzauges auf zu ihm (sah aber eigentlich nichts, außer Schemen). Nickte. Oder nickte er nicht?
„Wo nur?“, stammelte er.
„Beim Bestatter, Kulmbach, glaub ich“, lautete die Antwort „In Erzwingen. Also sehen Sie, sehen Sie, hier! Schauen Sie doch…[zwei laminierte Visitenkarten hielt der junge Beamte in seiner Hand]…ja, die hier? Die leg ́ ich Ihnen hier hin — neben ́s Telefon und das Schälchen da. Das ist die Nummer, die Durchwahl der örtlichen Seelsorge-Hotline. Egal wann, wann immer Sie wollen, da können Sie gern´ da AN-RU-FEN. OK?“

„Und die hier…“, der junge Beamte zeigte wieder nur ein Kärtchen hoch „… die wissen auch schon Bescheid und werden alles Weitere, notgedrungen, in die Wege leiten. An ihrer Stelle sonst, verstehen sie? Auch, wie es es dann mit Ihnen weitergeht, muss noch geguckt werden, ich weiß auch nicht“.

Bis auf das Letzte, sprach er alles so überdeutlich und akzentuiert aus — wie ein Automat beinah. Dann ließ er die Schultern hängen und spürte sowohl die enorme Müdigkeit, als auch die Kälte alle-mal, die ihn durchdrang. Die alle drei durchdrang.

Beide Beamten erschraken, als plötzlich das Funkgeräte, an der Brust des Älteren, zu kreischen anfing. Schon waren sie wieder draußen und stiegen in ihren Dienstwagen-VW. Es regnete. Ein weiterer Unfall erwartete sie.

„Jetzt hab ich ́s“, sagte Herr Fastabend. Nur zu sich, wie er wieder alleine im Haus zurück geblieben war. Er meinte seine Hörgeräte, die im Badezimmer — aber er vergas es sofort (wieder)…


BILD BY: Christopher Balassa

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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