[der] BAR-Titan

Fast jeden Abend ging ich in die wunderbare „1-Euro-Bar“, auch wenn es hier nicht ein einziges Getränk für 1€ gab.
Sabine, die Kellnerin, hoffte wie immer, mich abzufüllen. Und dann auf ihren überaus starken Armen nach Hause tragen zu können. Ich glaube, es war nur dieses eine Mal — ich selber konnte es kaum, nur aus schwammigen Sufffetzen, rekonstruieren, aber es genügte völlig, um zu wissen, dass ich keine weitere ihrer Pflaumenverköstigungen bedurfte. Daher erklärte ich ihr, dass ich Kopfweh habe und bestellte einen doppelten Tequila. Nach geraumen Suffergang fragte ich mich, wo wohl der Drei-Liter-Dieter sei. Pädo-Peter, für den eine 75Cent Tüte Lollis eine ganze Packung voller Spaß bedeutete, klärte mich schwer röchelnd auf. Bei Liter 3-n-halb sei der Dieter ausgerastet, habe sein Weizenglas am Tresen zerschlagen und es ihm, dem Peter, dann in den Hals gerammt. Das erklärte zumindest seinen dicken, wundtriefenden Verband. Meine letzten Zweifel eliminierte Wasser-Wolle, der zwar gut verdiente, aber sein Leben hasste und, warum auch immer, jeden Abend zum Wasser saufen und schweigen hierher kam, mir jetzt gegenüber saß und bestätigend nickte.

Um keine weiteren Fragen zu stellen und der Enge meines Hirns zu entkommen, bestellte ich mehr Tequila und noch ein paar Nüsschen dazu. Weil auch der Harnröhrenbrand mir immer wieder in die Gedanken kniff, suchte ich den Herrenwaschraum auf. Mein Spiegelbild sah aus wie Sülze ohne Remoulade. Ich tat, was ich in solchen Fällen immer tat, griff nach meinem Kamm und kämmte mir die Sorgen durch die Haare. Auf dem Weg zurück fragte ich mich, ob ich manchmal vielleicht nur deshalb aufs Klo gehe, weil ich hoffe, dass, wenn ich wieder komme, irgendetwas grundlegend anders geworden ist. Noch immer hatte ich nicht genügend Schnaps intus, um diese Theorie ganz abzudenken. Mein Stammplatz am Tresen war bereits besetzt. Da Ulle, auch nach seinem Unfall, selbst mit nur einem Arm, noch immer stärker war als ich, setzte ich mich zu dem arbeitslosen Trinkerpärchen an Tisch 1. Ganz ins Schweigen vertieft, hatten sich die beiden alternierend nichts zu sagen. Ein wenig beneidete ich sie, weil sie wie Salz und Pfeffer waren — grundverschieden, doch immer beieinander. Ihre vorwurfsvolle Wortabstinenz machte es mir jedoch schwer, hier weiter im Saufeinklang zu existieren. Anscheinend wurde ich zunehmend melancholisch, weil ich irgendwie an Liebe dachte und setzte mich notgedrungen neben ́s Klo. Mit bereits schweren Augenlidern scannte ich den Raum. Alles erschien mir albern und banal, aber bis zur Perfektion zugespitzt. Hier erwuchsen Klischees über Alkoholiker zur Wirklichkeit. Meine eigene Anwesenheit erachtete ich, durch genügend Ausreden unterfüttert, als unhinterfragbar gesetzt, schon weil ich teils ohne die Elternkomponente einer Mutter aufgewachsen und daher, fast ausschließlich, in Kneipen groß geworden bin. Welche Gründe auch immer die anderen jetzt hierher zu treiben schien — wir alle hielten suffgebetlich eine Einsamkeitsversammlung. Leider, wie es schien, war ich mein einziger Freund beim Alleinsein. Nur mit großer Not und immensem Aufwand, gelang es mir, den Vorsprung meiner Intelligenz wieder einzuholen. Da Alkohol schon das entscheidende Faktum meiner Zeugung war, führte ich diese scheinbar elementare Kette einfach fort. Zwei doppelte Tequila -— mittlerweile ließ ich auch schon die Zitronen weg. Am allerbesten ist man manchmal, wenn man am fertigsten ist. Am Tisch neben mir stapelte gerade Unraven-Robin, ein ecstasyverformter, redetalentierter Technoide, seine endlos fließenden Wortbrocken zu einem Turm der Nichtigkeiten aufeinander. Er sah bedeutend älter aus, als all die anderen hier. Es schien gar nicht allzu lange her zu sein, dass der massive Uppercut der Zeit ihn beinahe schon über Nacht hatte greisen lassen, so als hätte er sich bereits mitten in der Verwesung noch einmal halbherzig der Lieblichkeit des Seins besonnen. Offensichtlich wagte er einen unmöglichen Sprung in die Vergangenheit. Er war einer der hinterbliebenen Veterane seiner Drogen- und-Rave-Generation, mit bereits ausfallendem grauen Haar und Batikstirnband. Der Kollege zu seiner Rechten blieb schon rundenlang völlig regungslos. Er erinnerte mich an das ausgestopfte Frettchen hinter der Bar. Zurecht wohl nannten sie mich hier den Vor-Verurteiler.

Stavos Schusskundi setzte sich zu mir und entriss mich glücklicherweise meinem misanthropischen Gehirnkarussell. Was ein liebenswürdiger Haufen Mensch er doch war. Weil er behauptete von Kaufhauspuppen vergewaltigt worden zu sein, hatten sie ihm einen Jagdschein (inkl. Rente) ausgestellt. Er hatte immer viel Zeit und verkaufte mir seine Psychopharmaka. Die Weiber machte er sich immer während seiner Kurzaufenthalte in diversen Klapsen klar, und da mich der Penetrationsverlauf meiner Freunde schon immer interessiert hat, überließ ich ihm das Reden.

Durch den kleinen Spalt eines geöffneten Fensters verschaffte sich eine weiß-rot gestreifte Katze Einlass. Teils erfolgreich suchte sie den Boden nach übrig gebliebenen Essensresten ab. Anscheinend jedoch lag ihr eigentliches Hauptaugenmerk auf den unzähligen Bierpfützen, an denen sie sich einen ordentlichen Rausch besorgte. Schwankend, aber immer noch elegant, sprang sie auf den Tresen und räumte dort nacheinander alle Gläser ab — mit voller Absicht, ich konnte es in ihren aufblitzenden schadenfrohen Augen sehen. Weil alle schon so besoffen waren, erfolgten die Reaktionen nur zögerlich. Aufgeschreckt rannte sie jetzt durch die Bar, machte jedoch vor unsrem Tisch kurz halt. Mir war, als ob sie mir zuzwinkere und dabei lächele. Dieser Ausdruck — ich kannte ihn genau. Nicht nur ihr ganzes Wesen und die listige Partie um ihre Augen, sondern auch die Farbe ihres Fells — alles erinnerte mich an einen verstorbenen Saufkumpanen, der ebenfalls hier zechansässig war. Bei einer günstigen Gelegenheit verschwand sie blitzschnell durch die Eingangstür. Es bestand kein Zweifel … sie war die Reinkarnation vom Bollo Lupawsky, der vor einem Jahr zu lange ins Licht geblickt hatte (LKW). Scheinbar kommen sie alle zurück, auch wenn jeder nur alleine sein Ende finden kann. Wie beruhigend war es, ihn wieder unter uns zu wissen.

Jetzt wurde mir die ganze Situation ein wenig zu stavoslastig, welcher sich nicht ein einziges Mal hatte unterbrechen lassen. Ich verabschiedete mich mit einem Rülpser und ging zur Theke.
Neben mir knutschte gerade eine alte Frau mit solariumverbrannter Lederhaut und ausgeblichenem Blondschlampenhaar mit einem Typen rum, der auf keinen Fall älter als 19 hatte sein können. Erst später erkannte ich sie an ihrem Todesfäulnis übertünchenden Nutten-Parfum. Es war die Englischlehrerin Miss Stück, wegen der man unser kleines Etablissement mancherorts auch Absaug-Bar nannte. Die beiden waren vollends vertieft in ihre Zungenschlagekstase. Mir war ganz elendig. Dieses Mal bestellte ich mir nur einen einfachen Tequila — und ein Bier.

Erst als ich mir ein bisschen auf die Hose gekotzt hatte, erwachte ich aus meiner ein-Mann-geselligen Tresenlauschposition. Ein bisschen befummelte ich noch Miss Stücks Hintern, aber auch das war ohne Reiz. Alles war sinnlos bis zum Kern. Hörig ergab ich mich meinem Alkoholismus. Drei Tequila später machte alles wieder einen Sinn. Die Countrymusic stand meiner Seele in diesem Augenblick ganz ausgezeichnet.

„Wir sind wie Trucker … nur ohne Truck — und ohne Job.“ Wie oft schon hatte Armin mir in solch finstren Stunden beigestanden. Sein Geruch störte mich nicht.
„Was bleibt dann noch?“, fragte ich. „Das kann ich dir genau sagen: ́n ausgewachsener Bierdurst, ́n Bierbauch und ein gesunder Appetit auf Hack!“, sagte er. „Na ja — das Töten gehört zum Leben, wie das Atmen“, dabei schob er mir einen Schnaps vors Kinn. Weil er von Beruf Metzger war, war ich mir nicht ganz sicher, ob er damit Lebewesen oder Gehirnzellen meinte. Gemeinsam gaben wir uns dem Abgrund hin. Ich fragte mich ernsthaft, ob wohl gelebtes Glück = Leidenschaft ist.

Die Gespräche rings um uns wurden zunehmend lauter und zeugten nur noch vom vorherrschenden geistigen Bankrott. Alles erschien mir auf einmal fatal falsch. Es gab nur eine Lösung. Ich bestellte …

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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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