Das umgekehrte Gegenteil der Wirklichkeit

Ich blieb nur um zu kommen…

OK. Dann also: scheiß drauf, dachte ich. Es war einer dieser Tage. Nächte, mein´ ich. Immerhin war sie die Schönste unter den Hässlichen.

Bei ihr angelangt, beeilte ich mich direkt den Alkoholvorrat so schnell es ging zu neigen — und das durchweg durcheinander. Da schon, ja, lagen wir beisammen. Und überraschend bekam ich tatsächlich noch einen hoch; musste mich aber konzentrieren währenddessen nicht zu kotzen und möbelte sie allein schon daher so derart dermaßen hart durch, wie ich nur konnte.

Sie — sie aber lag nur da und gab keinen Ton von sich. Sie süffte unnormal. Ich wischte die Schlicke immer mal wieder an der Tapete ab. Da bemerkte ich ihr Wimmern. Was denn sei, fragte ich.

Sie gestand mir, dass sie bis eben Jungfrau war. Mir wurde unerträglich und ich mir selber widerlich. Es war Zeit zu gehen. Ich schaltete das Licht ein.

Als auch sie die blutigen Handabdrücke an der Wand sah, begann sie laut zu schreien, flennen und davon zu rennen. Scheiße — dachte ich und ging ins Wohnzimmer; dann raus, auf den Balkon.

Schon wie ich den wackeligen aber weichen Mond, und dann an mir hinunter sah, sah ich tatsächlich zum ersten Mal wie übersät von blauen Flecken, Blut, und Kratzern ich war.

Ein unglaubliches Gefühl vergeudet vergoldeten Unmutes überfiel mich, nagte an mir, und ja, zerfraß mich sogar — was schön war. Irgendwie nur ein bisschen klarkommen — dachte ich und schüttete mir das Wasser aus der kleinen Plastikgießkanne über den Kopf. Es half. Da hörte ich ein Feuerzeug ratschen und sah, auf dem Balkon zur meiner Rechten, dämonisch erleuchtet das Gesicht einer Frau aufblitzen. Sie war so alt wie ich.

— na schöner Mann … wie is´s?,

fragte sie.

Und ich fragte mich: warum fragt sie das — jetzt?

Ich schaute sie wohl ausdruckslos an.

— coole Klamotten

ergänzte sie.

Und dann …

Die Situation war eh nicht unter Kontrolle zu bekommen. Frei baumelnd und betont lässig lehnte ich mich übers Geländer. Sie gab mir Zigaretten — Menthol. Egal.

— wird ja auch ma´ Zeit … dachte Mausi bleibt für immer Jungfrau

— hey-hey!

wandte ich ein.

So tragisch. Sollte man meinen. Doch direkt neben mir fand ich die lange schon geöffnete Flasche (Essig-)Wein. Ich nahm einen bitteren — auch einen zweiten Schluck. Erst wurde mir schlecht, dann zunehmend wohl und wohler. Wir plauderten.

— willste nicht rüberkomm´? Mein „Freund“ (mit fingergewinkelten Anführungszeichen ihrerseits) kommt gleich vorbei — und wir könn…

— ne-ne-ne, heut nich´,

sagte ich.

Sie rein. Ich blieb.

Wieder allein; mit mir, der Nacktheit, der Nacht und dem Alleine-sein.

Während ich auf die gegenüber liegenden Fassaden blickte — und vereinzelt stumme Flimmerlichter hinter den Gardinen flackern sah.

Es wirkte alles so (un)normal und friedlich irgendwie. Obwohl …

Die einzigen, die jetzt noch wach waren … wer waren die wohl? Eingenickte Malocher, Arbeitslose, Untergrund-Hunde, Freaks, Zocker, Dealer, Huren, realitätsenthemmte Zwangsmasturbateure oder Sadomaso-Freaks — niemand der als „normal“ zu labeln wäre — alle, die alleine blieben, auch wenn sie zusammen lebten, die ihr eigenes Dasein, geträumt, oder vollends resigniert, so oder so — Leben, das nicht mehr in Richtung Sonne wuchs, sondern gebeugt in Richtung Erde krümpelte, krepierte und unentwegt kämpfte, um jeden Atemzug, der immer dünner wurde, und sehr bald schon zum Allerletzten. So in etwa? Selbst wenn sie lebendig schienen, schienen sie sich (selbst) wie enttäuscht und jähzornige, verdammte Tote, die, vor lauter Verzweiflung blind und geschunden, sich gegenseitig aus dem Ring des Lebens stießen, wie zurückgebliebene Sumo Ringer — ohne es zu wissen. Obwohl das Leben gar nichts bereithält, außer dem „Ich“ — und dem Nächsten, neben uns. Oder nicht?

Wir verdienen alle zu wenig, egal wie viel wir bekommen.

Nichts bleibt.

Das nächste Licht ging aus.

Vielleicht dachte ich … zu Unrecht — generell zu schlecht; zu starr in meiner Ansichtsweise. Lag auch an der Aussicht — denk ich.

Einige mussten vielleicht gleich zur Arbeit. Gewillt, trotz all der Beschissenheit, selbst für das bisschen Sicherheit und Frieden aufzukommen. Ein Vater vielleicht, der seine Frau einst, jetzt aber nicht mehr — liebte, nur noch aus Gewohnheit, vor sich und anderen so tat, aber es nicht mal mehr aussprach, und sich ausgehöhlt vorkam, nun, nach all den Jahren, spürte wie die Flamme in ihm erlosch. Derweil der gefasste Entschluss, alles hinter sich zu lassen — war er jetzt dabei, ein allerletztes Mal noch seinem Kind, seiner Tochter vielleicht, über die Haare zu streichen, und sie dabei in ihrem harmlos ruhigen Schlaf ansah. Sie atmete. Er beobachtet das Auf und Nieder ihres Brustkorbs. Wo das Herz nie ruhend schlägt. Das war es doch was zählt — denkt er sich; doch sicher ist er nicht. Nichts war je intakt, und wird es auch nie wieder sein. Doch, für sie war es das … vielleicht. Bis jetzt. So ist das Leben eben. Dann presst er seine Lippen sanft auf die Stelle ihres Schädels, die nach der Geburt noch lange weich und gefährdet war, aber von der dieser bestimmten, kindliche Geruch ausströmte, wie Baby-Creme.

Aber was weiß ich schon?!

Und wer weiß, oder will es überhaupt wissen, wer da grad verdroschen wurde — aus Wut und/oder Lust … war auch egal. Sie alle waren irgendwie da drüben. Und ich hier. Für immer draußen. Wann hatte mein Leben …

… den exekutiven Exzess so sehr zu statuieren begonnen. Niemand kommt aus seiner Haut. Und ich dachte — ich wäre ihr entkommen. Aber…

Resigniert stellte ich fest, dass ich noch immer nackt war, fror und meine Schritte auf dem durchnässt, vollgesogenem Kunstrasen quietschten. Dazu das blaue Lichtgesicht des Mondes, dem ich mich hilflos, aber hilfesuchend zuwandte. Dann mein Blick hinab, sah ich meinen Bierbauch sich vor Atmung wälzen. Und ich spürte den eigentlich warmen Wind, der mir durch Härchen um den Nabel strich. Doch meine Zehen bogen sich vor Kälte, während zugleich meine Stirn brühend glühte.

Wieder rechts, sprang lachend die Balkontür auf.  Sie.

Sie, mit ihrem Freund. Ich tat, als wäre ich, und das, was ich hier tat — normal. Dazu erneut ein tiefer Schluck. Ekel überkam mich, wie ich den Filter an meinen Lippen spürte; fast am Kotzen. Die beiden lachten. Doch schmiss sie mir erneut die Kippen rüber. Bevor sie ganz demonstrativ rumzumachen begannen. Und sie … sie sah mich dabei an. So lange und hemmungslos, dass ich irgendwas zwischen gelangweilt und geil wurde. Eigentlich peinlich eher, so auf meiner solo-stillen Seite. Wie ein Spanner. Doch ich fing an mir ein´ zu wichsen.

Die beiden fummelten sich rein — ließen mich also erneut …

… doch nein.

Er kam zurück.

— schmeiß mir ma´ die Kippen her

sagte er.

Ich nahm noch zwei und warf sie rüber. Er zündete sich eine mit dem Streichholz an. Gerade dabei reinzugehen, stoppte, überlegte er und steckte etwas in die Streichholzschachtel, die dann wieder bei mir ankam.

— Überflieger wie du müssen ja auch irgendwann ma´ wieder runterkommen

sagte, und gönn-zwinkerte er.

Schon war er verschwunden.

Ein kleines weißes Päckchen. Ich dippte. KETAMIN. Mein Untergang.

Ich ging direkt rein, ohne weiter nachzudenken, suchte meine Hose, mein Portemonnaie und hackte mir eine lange Bahn direkt auf dem kleinen blanken Couchtisch auf. Der erste Schwall riss mich zu Boden. Schwerelose Seligkeit. Völlig lädiert lag ich einfach nur da. Nackt, fast friedlich, regungslos. Wie ein Embryo. Jetzt außer mir. Nicht hier, nicht nirgendwo. Dafür Nirvana — aus der Wohnung über mir. „Heartshaped Box“. Erst im Nachhinein wurde mir klar wie bedrohlich nah ich dem Ausgang war. Denn es war nicht das erste Mal. Auch nicht das letzte.

Schreie aus der Ferne, gedämpft, wie durch unzählige Wände. Hysterisch, panisch, doch noch immer sehr, sehr leise, mir gewidmet offenbar, mit enormer Kraft. Meine Mutter, unten, vor der Treppe, wenn sie meinen Namen mit dem langen „iieeehh!“, schrie.

Wieder kam ich zu mir. Tröpfelnd, wie ein Rinnsal sich windender Qualen. Wimmernd, winselnd. Sie schlug noch immer auf mich ein. Ich kotzte und pisste mich zugleich ein. Ich erwachte. Mit aufgerissenen, schreienden Augen sah sie mich an. Erst weich. Dann wütend. Sie gab mir Wasser und hüllte mich in eine kratzige Decke ein. Es wird der Teppich gewesen sein. Doch hinter allem, das ich benomm-verschwommen wahrnahm, stach ein eindeutiges Alarmsignal ganz klar hervor. „KRANKENWAGEN“, sagte sie am Telefon. Und ich auf Eins, so wie ich war, hinaus. Zumindest der Versuch. Denn zunächst schlug ich längs über den Sessel; danach, beim zweiten, mit dem Kopf gegen den Schrank. Jetzt stand sie vor mir, noch immer mit dem Handy in der Hand. Sie hatte Angst. Und ich ganz sicher einen wahnsinnigen Gesichtsausdruck aufgelegt.

— kommen sie schnell!

hauchte sie und legte auf.

Blut lief mir über Augenbrauen und Wangen. Tatsächlich optisch schlimmer, als de facto die Wunde tief. Doch ich, entsprechend den Umständen, sprang wackel-fallend, schief, ziel- und orientierungslos durch die Bude, die dabei zunehmend im Chaos versank; das allmählich überlief.

… Hätte sie nur gewollt; allein die Schlachthausoptik ihres Schlafzimmers wäre weit ausreichend genug gewesen, mir jegliche Form der Abscheulichkeit zu unterstellen und mir alles mögliche anzuhängen. Meine Glaubwürdigkeit, auf vielerlei Ebenen, hatte innerhalb der letzten Stunden enorm eingebüßt.

Ganz im Gegenteil zur Paranoia, die nun, vom schlechten Gewissen auf Hochtouren frisiert, die Allmacht übernahm — unabwendbar, denn mein Betragen hatte sicher nicht dazu beigetragen ihr Vertrauen zu erlangen. Der Peinlichkeit zwangsläufig ausgeliefert und in Erklärungsnot — wozu war ein Mensch nicht alles im Stande, wenn es darum ging den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen?

Ich wollte es weder wissen, noch herausfinden. Für weitaus weniger hatte ich selber schon krassere Lügen vorgebracht, verbreitet — und gelebt, bis hin zur Wahrheit.

Doch was sich in ihrem Gesicht abzeichnete, trotz Angst und Panik, wirkte eher tief erniedrigend auf mich. Mitleid. Ich schämte mich — unsäglich. Bis sie zur Seite trat.

Auch wenn mir schlecht und zunehmend schwindelig war, kam ich mir zunächst erlöst vor. Jetzt erst im Treppenhaus, und im Nachrausch der Hysterie fiel mir meine Nacktheit wieder ein — und vor allem auf.

Ich klopf- und klingelte. Natürlich vergebens. Bis die Tür rechts aufsprang. Die Menthol-Mausi — ja vielleicht war tatsächlich sie meine Rettung. Doch sie sah … sie sah nicht danach aus. Im Gegenteil. Ihr ganzes Gesicht war angeschwollen und blau, dazu der Lidschatten verlaufen und auch die Unterlippe aufgeplatzt. Zugleich hörte ich jemanden das Treppenhaus aufwärts stürmen. Ich wusste nicht — was tun? Plötzlich deutete sie mit einem langen, düsteren Zeigefinger auf mich. Das hinter mir … wäre es  —WENIGSTENS — „nur“ die Polizei gewesen.

Anstatt — jenem enorm, wutpulsierend, schnaufend und muskelüberfüllten Glatzen-Ungetüms eines offenbar mehrstöckigen Mannes, im Blaumann, der mich zerstörungspräzise anstierte.

In der Ferne hörte ich Sirenen.


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Autor: Yves Engelschmidt

Einer, der aus den Bergen fiel und sich im Schreiben verfing. Yves Engelschmidt ist angenehm anti-modern, anti-alles und ein enthemmter Endgegner. Verbal-Karate-Tiger und (Porno-)Belletristiker. Ein vorausdrängelnder Verfasser phantasiespaltender, schön-traurig bis wunderbar bescheuerter, kurz-prosaischer Rhetorik-Kunststücke. Der "endboss Verlag" schiebt ihn jetzt in die weite, weiche Welt hinaus. Wer lesen will, was gut ist — muss wissen, wie man sich durch Glut frisst.

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