Phall-um

Kaum wohl hätte der Tag schöner sein können. Allem verlieh die Sonne einen goldenen Teint.
Und wie ein sterbender Stern, in seiner aller-[aller]-letzten Blüte, leuchtete auch Herr Sarakusch; von sich aus. Dieser machte einen kurzen Abstecher beim Juwelier und kaufte dort einen Ring — einen ganz besonderen [Ring] sogar.
Mit euphorischem Schritt und jubilierenden Gebärden bog er lustwandelnd in die Wohnungssiedlung ein, die, gepflegt, akkurat und so ordentlich, in ihrer Gesamtheit, nur der Glanztat eines über jahrzehntelang-, überambitioniert-, gepflegten Spießertums zu verdanken sein konnte. Zur Mitte jener Straße gelegen, betrat Herr Sarakusch dort nun das Haus seines alten Freundes — Werner Lang. Dieser schien offenbar, nicht ganz grundlos, argwöhnisch zu werden. Schon allein die Begrüßung, von Herrn Sarakuschs Seite her, war beinahe feierlich und auffallend ausgefallen [aus gefallen].
Außer den zusammengewachsenen Augenbrauen und der dunklen, behaarten Warze, direkt rechts neben der Nase, erinnerte sonst weiter nichts mehr an den alten Kumpanen, dachte Herr Lang. Doch gemäß des etablierten Ritus, setzten sie sich, wie immer, und schwiegen sich, bei einem Tässchen Kaffee, in der Küche an. Das nur sehr schwer an Fahrt gewinnende Gespräch kreiste unablässig um überaus Banalitäres. Ein im Subtext (mit-)schwingender Unterton der Ungeduld, brach immer mal wieder, schubweise, durch die Gebissoktaven-Arie der Altherren-Konversation hindurch.
So hatte Herr Sarakusch ja bisher absichtlich auch jeden Bezug auf Jessie zu vermeiden gesucht. Er wusste ganz genau, dass sie irgendwo, hier im Hause war. Allein schon der Gedanke daran, an sie — ließ sein Gesicht jetzt erneut auf funkeln. Seinem Freund, dem Herrn Lang jedoch, wurde die ganze Situation nun allmählich allzu bunt, und unangenehm ebenso. Eine Vermutung bemächtigte sich seiner, die, wenn auch sie lächerlich erschien, in einem unweigerlichen Gefühl der Eifersucht mündete.
„Und was hast du heute noch vor?“, fragte er, so wie ganz nebenbei und nebensächlich.
So früh jedoch, hatte selbst Herr Sarakusch die Zäsur nicht zu erwarten gewagt (wenn auch der Gleichen zu erwarten war…). Doch war es ihm nur recht, entschied er jetzt.
„Ich möchte Jessie fragen … also, sie bitten, meine Frau zu werden — wenn es ihr recht ist“, erwiderte Sarakusch darauf.
Lang nun, schien einem durchaus cholerischen Anfall nah zu sein. Hass sickerte aus seinem Augental [hervor], während seine Falten sich zu einem tosenden Meer der Wut aufwühlten. Alles, was er sagte, war jetzt plötzlich wie heiser, undeutlich und ohne Klang. Lange daraufhin, hatte Herr Lang seiner Hasstirade nicht mehr Einhalt zu gebieten vermocht. Dennoch, Herr Sarakusch hingegen, blieb weiterhin völlig stumm.
Die Anstrengung und offensichtliche Wirkungslosigkeit seines Gebarens jedoch, zwangen Lang bald zu einer abrupten Räson. Ihm war, als wenn er in einem ominösen, inneren Sumpf einsinke. Absolute Resignation zeichnete sich auf seinem Dackelgesicht ab, während Herr Sarakusch, mit seinem breiten Mund, fast einer Kröte gleich, ein stoisches Lächeln irgendwie beibehielt. Doch auch er fühlte sich zunehmend erschöpft, bemerkte er seit längerem bereits. Etwas, irgendetwas — musste geschehen.
Die beiden saßen sich jetzt, fast aufrecht und manierlich, wieder gegenüber.
„Das müssen wir doch wie Männer klären können“, warf Herr Sarakusch ein. Mit haltlosem Gesichtsausdruck sammelte Lang noch immer die Luft um sich herum ein.
„OK, Götz , ich sag dir jetzt mal was, was früher schon mein Bruder zu mir gesagt hat — geh dir einfach ma´ ein wichsen, wenn du es nicht mehr zurückhalten kannst!“, sagte Lang.
„Mach dich nicht lächerlich, Werner!“, entgegnete ihm Sarakusch, mit einem nahezu verachtungsvollen Blick.
„Was will denn ein Mann in deinem Alter mit einer solch …?“, doch Lang stockte, und spürte, wie dieser Satz sich jetzt schon in seinem Hals, wie von selbst verschlang. Auch er war doch bereits 73, Jessie nun gerade einmal 26. Ohne aber, dass er es sich selber einzugestehen wagte, erschien ihm die Vorstellung, den nur zwei Jahre älteren Sarakusch zusammen mit einer so jungen und wahrhaft, wirklich bildhübschen Frau, wie Jessie, zu sehen oder sich bloß die beiden zusammen vorzustellen etwa, geradewegs lächerlich — absurd beinah. „Wie kommst du überhaupt … ich meine … dass sie …?“, warf er seinem vermeintlichen Freund (dem Sarakusch), daher nun vor.
„Ich weiß es einfach“, entgegnete dieser, offenbar etwas selbstsicherer sogar noch, als zuvor.
Tatsächlich hatte Jessie ihm gegenüber immer wieder gewisse Andeutungen gemacht. So zumindest — nach seiner Interpretation. Regelmäßig war ihm das junge Ding auf den Schoß gehüpft, sobald sein „Freund“ den Raum verlassen hatte. Dann streichelte Sarakusch ihr über die Wangen und tätschelte ihr Knie. Schüchtern und ein wenig pikiert, lachte Jessie dann verstohlen und unter vorgehaltener Hand auf, wie eine kleine Maus, der man die Luft abzwang. Was Jessie jedoch da mit ihm veranstaltete, war im Wesentlichen doch nur ein Spiel gewesen. Denn, die Geil- und Lüsternheit alter, potenzversiegter Männer zu beschwören, war ihr schon seit frühster Jugend her ein vertrautes Meisterstück der Koketterie — und durchaus auch lukrativ, wie sich zeigte.
Werner Lang zum Beispiel war, trotz seines hitzigen Gemüts, ein fürsorglicher Partner und nahezu unbewaffneter Liebhaber. Auch an Geld mangelte es ihm nicht, nur wurde er zunehmend zuletzt geiziger. Daher auch die, wie zufällig lippennahen, Küsschen auf Götz Sarakuschs Wangen, ab und an, die dazu geführt hatten, dass dieser jetzt glaubte, die dunklen Stunden seiner Einsamkeit seien endlich gezählt.

Werner ging zum Waschbecken um ein Glas Wasser zu trinken. Doch das stille Glimmen der Raserei bemächtigte sich seiner erneut. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff er nach einem großen Messer aus der Besteckschublade. Sein Herz schlug jetzt in einer Frequenz, die einem Maschinengewehr gleichkam. Götz Sarakusch blickte ungläubig und etwas entgeistert seinem Freund mitten ins Gesicht — dann zum Messer, wieder ins Gesicht, dann wieder zum Messer hin. Eine eisige und steinharte Maske hatte sich über Werner Langs verkümmerten Stolz gelegt, wie nun seine Augen zu lodern begonnen hatten. Der Götz (Sarakusch) richtete sich auch auf. Wahrhaftig fuhr ihm nun ein fürchterlicher Schauer durchs Mark, wie er die dämonische, wahnsinnige Fratze seines Konkurrenten auf Augenhöhe gewahrte. Noch immer war die Spitze des Messers unheilvoll auf ihn gerichtet. Es herrschte eine grauenhafte Stille, um sie beide herum. Die lediglich durch das lebensschwere, alternierende Atmen der beiden Widersacher unterbrochen wurde. Werner aber verspürte plötzlich einen brennenden Schmerz in seiner Brust. Fast schon taub fühlte sich die linke Hälfte seines Körpers an. Auch wurde ihm das Messer plötzlich unfassbar schwerer, während gleichzeitig seine Hand niedersank. Mit dem Ellenbogen stützte er sich gerade noch auf der Spüle ab.
Götz erkannte erst jetzt, was dort genau vor ihm eigentlich geschah. Der verkrampfte Ausdruck im Gesicht seines Gegenübers ließ ihn zur Besinnung kommen und ihm entgegeneilen. Werner aber blickte bereits in tiefe Finsternis. Und als Götz ihn an der Hand berührte, da — stach er zu.
Beinahe schmerzlos glitt die lange Klinge durch das weiche Fleisch am, und um den Nabelrand. Götz fasste sich dort, nun an den Bauch. Seine Hände waren voller Blut, sah er. Auch ihm wurde es allmählich bedrohlich schwer sich aufrecht zu halten, bis er bald nur noch den pechschwarzen Grund der Unendlichkeit (vor sich) sah. Fest hielten sich die beiden umschlungen, während sie gemeinsam niedersanken und zugleich dann, von der Dunkelheit ins Licht schwammen.

***

Zur genau jenem Zeitpunkt lag Jessie noch immer in ihrem Bett und genoss ihr eigenes Stöhnen. Und dachte dabei an ihren Stecher; Antoine.


BILD BY: Christopher Balassa

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