DIE PFOÖRTNER GEHEN, DIE KUNST BLEIBT

Pförtner ist nicht nur ein Beruf — es ist eine Lebenseinstellung; gar eine Brufung und Prüfung auf´s Schicksals zugleich.

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Dasitzen, Leute reinwinken, Passierscheine ausfüllen lassen. Die wohl größte mögliche Nutzlosigkeit. Wie kann man acht stunden (pro Werktag) nur mit sich allein verbringen ohne verrückt zu werden? Monotonie, Vergänglichkeit und ja — auch manchmal Verzweiflung. Aber dabei bleibt es nicht; ganz im Gegenteil. Jetzt kommen sie einfach daher, diese Pförtner, und machen aus der Not eine Tugend und eine neue Kunstsparte auf — [die] Pförtnerkunst.

Aus extrem routinierter Langeweile entstand das Konzept der konzeptlosen Kunst. Die beiden Organisatoren und Kunstgenies Bernhard und Sven bezeichnen ihre Kunst als „extrem nichtig“, aber wer genauer hinschaut, wird in einer Bewusstseinserweiterungsexplosion erfahren, dass das nicht ganz stimmt. Angefangen hat alles als Spaßprojekt, dann wurde es immer intensiver, es wurde zum Sinn (und Ernst somit); Inhalt und zur Ursache des Pförtnerdaseins. Es war der Versuch, dem Stumpfsinn etwas entgegenzusetzen, etwas Positives daraus zu machen:

„In seine eigene Welt abzutauchen“, sagt Sven, während er an seiner Zigarette zieht.

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Pfötner sind die, die im Film immer als Erste(r) sterben.

Sie sind nicht wichtig, erfüllen scheinbar keine „richtige“ Funktion, sind einfach nur die dauerroten Zahlen des Betriebs. Das mussten die beiden am eigenen Leib erfahren. Aber während sich andere von der Schwerelosigkeit ihres Jobs ficken ließen, fingen sie an kleine Projekte auszuarbeiten, Cut- ups, Collagen, expressive Drahtkunst und vieles, was dazwischen und darunter liegt.

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Einen Job machen – heißt es! Aber man definiert sich doch durch seinen Job, seine Aufgabe, das ist wichtig, für jeden. Ziele, Sinn, wir wollen doch nicht einfach nur machen, da sein, vergehen, und (alles) vorbei gehen lassen, nein (!), da ist noch etwas anderes, da muss noch etwas anderes sein…

Jeden Tag acht Stunden Pförtnerhaus-Alltag, immer die gleichen Leute: „Bitte den Passierschein ausfüllen“. Ist das erwachsen sein? Funktioniert so die Welt?

Die Frage haben die beiden Koryphäen Bernhard und Sven nie konkret gestellt, aber sie lieferten die Antwort. „Wie krass man drauf geschissen hat“, sagt Bernhard und auch er zieht lässig an seiner Zigarette. Skurril, absurd und voller Herz ist die Pförtnerkunst, ein Versuch der Resignation zu entfliehen. „Die Zeit verstreichen lassen und immer tiefer gehen“, interpretiert es Künstler-Sven.

Realität und Kunst bedingen sich gegenseitig, das wissen alle. Was hier im Pförtnerhäuschen erschaffen und kreiert wurde, welcher historische Grenzpfahl dort aufgestellt wurde, hat niemand der anderen Mitarbeiter realisiert. Am Pförtner vorbeifahren und winken, was wird der schon machen?! „Oh, sweet nuthin“ von Lou Reed ist ihre Hymne, das absolute Sinnbild für den absoluten Leerlaufberuf. „Man wird labil, weil man unterfordert ist“, sagt Bernhard und zieht schon wieder an seiner Zigarette.

Ohne bestimmte Zielrichtung schaffen sie Kunst, die einen einfach mitreißt — oder ist das etwa das Ziel? Da ist einfach alles drin, die totale Überladung. Die völlige Herrschaft der Unbedeutsamkeit.

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Kunst machen und trotzdem auch irgendwie keinen Stil haben. Alles ist möglich, wenn nichts mehr geht.


text: yves engelschmidt   fotos: sven j. kanclerski

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WYOMING: What is Wyoming?

 

Raucherschwein

Ich rede nicht mit Frauen, die im Nichtraucherbereich sitzen.

So — und nicht anders sollte das sein. Scheiß drauf! Scheiß auf ihr vorwurfsvolles Husten. Die Guten erkennst du an der Glut und den vergilbten Fingerkuppen. Wenn jemand sagt: “Hier bitte nicht rauchen. Mach die Kippe aus!” — ja dann musst du ihnen ins Gesicht spucken. Rauchen ist keine — schlechte Angewohnheit — sondern schlichtweg Überzeugung. Ein Lifestyle. Solange du rauchst, weißt du, dass du am Leben bist. Und wer lässt sich das schon freiwillig nehmen?!

Einfach die Sorgen von der Leine lassen und sieh zu, wie der blaue Qualm in Richtung Decke schwebt. Eine Schwade der Erlösung und Gelassenheit. Wenn der Filter an den Lippen klebt, fühl ich mich besänftigt, wie ein Kind, das in der Wiege liegt. Lehn dich zurück. Life is good.

“IT´S JUST A RIDE ” — Bill Hicks bill-hicks-4

Warum (fast alle) alles immer so unglaublich ernst nehmen!? Warum nicht eine Initiative gründen — für mehr Rauchen und weniger Kriege. Ich wäre dabei. Einfach die aufoktroyierten und allmählich abgetragenen Feindbilder, der vermeintlich Gerechten, in ihr Gegenteil umkehren, um sie somit auszuhebeln. Die anti-militante Kopf-über-Tyrannei. Die Diktatur der Freiheit und Individualität. JA — die RAUCHERPARTEI. Ich wäre ihr erster Vorsitzender. Denn ich bin nicht mehr bereit, das Böse in der unschuldigen Schönheit zu suchen — sondern in denen zu entdecken, die sie uns stehlen wollen. Wie viele Menschen sterben jährlich an gebrochenem Herzen — oder Einsamkeit. Isolation und Fremdheit trennen uns voneinander. Nicht die Glasscheibe in der Bar. Oder der viel zu volle Aschenbecher, der zwischen uns steht. Wie immer haben wir die Wahl — uns an die Illusion der Unsterblichkeit zu ketten oder der ungeschminkten Realität ins Auge zu sehen. Das Leben sollte nicht im Abfluss der Angst versickern, sondern sich im Lichte der Gegebenheiten bräunen — und mit einem Lächeln zu Ende gehen.

FAKT: Die PR-Maschine der Bio-Industrie arbeitet auf dem selben Level und Niveau, wie die von Marlboro. Bist du oft enttäuscht, weil du zu fett bist oder hässlich — kein guter Mensch? Frag dich mal — warum. Woher das kommt. Die Bilder, die dich in Dauerfrequenz beschießen, deinen Geist und dein Gewissen einlullen wollen, wollen dir nur das Dogma einer Scheinwelt in die Seele streichen, wie Nutella aufs Brot. Sie würden dich auch “echte” Scheiße fressen lassen, wenn sie dürften. Alles um die Marge des Gewinnvolumens zu erhöhen und zu steigern. Wer raucht, weiß wenigstens was er tut und kennt die Konsequenzen. Wer Kaffee oder Schokolade kauft, muss auf Siegel bauen, denen sie verlernt haben zu misstrauen. Die Hörigkeit an die Glaubhaftigkeit gutmenschlicher Produktpaletten, schmeckt irgendwie nach Wahnsinn und Besessenheit. Kauf dir das Gewissen rein!

Ein Plädoyer gegen Pseudo-Gesundheitseiferei einer Gesellschaft, die krank ist bis ins Mark. Wenn wir der bereits absterbende Ast am Baum sind — gibts da nix mehr von Ratiopharm. Sagt hinterher nicht — ich hätte es euch nicht gesagt.

Manchmal hasse ich es sogar, immer recht zu haben.

Ich rauch mir erst mal eine.


Bild by: Cora Sprengel

Die „endboss Crew“

Gehirnakrobatik, die funktioniert und oldschool-dominant vom Puls, dem Rhythmus ruhig und lässig, alles andere an den Rand treibt.

Spezifisch frontal-rektal verbalisierte, wortakkumuliert, und fusionierte Laber-Asse — sind sie, mit einem Überhang für Bass, Beats und Melodien. Amtierende Bar-Titanen, und zugleich aus der Unterschicht erwachsene und dennoch überintelligente Rinnsteinauswüchse, die sich sogar den Retrogott von oben anschauen — nach eigenen Angaben. Versagen und Zurückhaltung waren nicht gerade ihre Grundlagen.

Ihr zweites Album “Wurst-Case-Szenario” ist rhethorisch genial und ebenso beat- und flow-technisch hermetisch korrekt abgesichert. Ihre Übergewalt in Sachen Talent wurde geballt gebündelt und klingt im Resultat bewusst street-dimensional. Das Vinyl-Vyking-Label setzt auf zwei, die ihr Können, durch ihr schlagfertiges und KO-mächtiges Tun und Handeln unter Beweis stellen.

Denn ihren alles deformierenden Stil definieren sie verspielt durch gleichgültige Ausgelassenheit. Und als eine reine Hommage an den Hip-Hop zelebrieren und rekombinieren sie ihre leidenschaftliche Liebeserklärung zu einem ausschweifenden Auswuchs an Klangfreude. Leuchtend und verstrahlt wie ein Atomrückschlag. Einige Auszüge:

— High-Teer Walter —

“Wir sind die, die alles zieh´n —

und noch den Rest bekommen.

Hart. Harter. Beinhart. Benommen.

Das Leben hat uns mitgenommen.

Wenn alle schon am Boden liegen …

bin ich … breiter.

Heiter, heiter, immer weiter.

Wenn er fällt dann —

bleibt eine Behinderung.

Wo wir beim Thema wären —

Der Mäc-Industrie ist mit Kunst misslungen,

dass du so denkst, wie sie wollen, dass du aussiehst.

Klingt wie Analliebkosungen.

Und da muss ich auch schon stumm summen,

wenn ich mir dich so als Dummen,

einen Dummen vorstellend ansehen will.

Ich sollte auch das mit dem Schnee,

besser nicht mehr erwähnen.

Weil, wenn ich grad klar-und-vom-Klo-komm

und du mich fragst,

was das Weiße da an meiner Nase ist.

Sag ich:

“Christstollenreststaub”

Ich hab beim BND Verhör vorhin,

nur kurz nochmal vom Baiser genascht.

Deshalb.

Vollbreit. Aber normal.

Mellow und Ziemlich-Präzise,

die Leute sagen:

Zwei Götter in der (…)”

— Kopfschmerz-Zigarette —

“Wenn Darth Vader wüsste, dass ich sein Vater wäre,

würde er nicht röchelnd das Sabel-Schwert schwingen,

sondern schon ma´ hinter mir die Turntables anbringen.

Ich und er — Eins und Zwei macht immer noch: Endgott.

Kein Spott … Schau rauf!

MC-Lewinsky —

Ovaloffice.

Clinton-ENDBOSS-Style.

Oral-Amnestie.

Ja, du hast ein sehr schönes Kleid an.”

— Retroschwein —

“Mach die Backen auf!

Was du brauchst, ist Gleitgel, statt Anlauf.

Selbst wenn ihr ganz oben seid, sind wir noch drauf.

Und draufer.

Hinter mir der Notausgang,

schließ ich von außen zu.

Und du?”

Die beiden sind der Beweis ihrer eigenen Allmacht. Auch wird man einfach nicht satt von ihrem Album zu naschen.