Der Auflösungsvorgang

So ist´s annehmbar. Die Bar, ach ja. Als wären wir alle hier bereits, auf Hockern schon zur Welt gekommen. Ein Lebenslauf auf Bierdeckeln. Ich stolpre rein.

Und nicke an.

Meine latent angestaute Wut verwischt, verwächst zu Asche. Augenblicklich. Qualmblau steigt mein Atem auf.

Da stiefelt Ruben von Alberti rein — wie immer auf Sandalen. Kommt jeden Tag. Quatscht, als wäre er lediglich Gehirn. Fast ein lyrisch[-er Freistil-/Freestyle-Impro]-Proto-Proleten-Typ, doch fällt er immer wieder auf seine eigene Rhetorik rein, metaebene Metaphorik, die er selber nicht begreift.

— du schon wieder

sagt er zu mir, bereits zu nah.

— wasch dich lieber

sag ich.

Was bin ich denn(?) — Emotionsmüllkippe — frag ich mich. Und doch, dabei genau so liegengeblieben, wie all die anderen; ich weiß. Di-Ai-Wai. Ei-NO. Notwendig greift meine Hand nun zur Glasaußenwand. Schon fühl-ich-mich-unendlicher. Leichter.

— wer nich´ in´ne Bar geht, kann auch nicht ehrlich sein

sagt er.

— stimmt

besänftige ich ihn, bestätigend.

Er bietet mir sein Feuerzeug. Ich nehm´ mein eigenes. Will gar nicht wissen, was das über mich sagt. Die Wahrheit ist selten fair — aber ich, bin durch mit ihr. Kurz noch `nen Kurzen in den Magen stauen. Dann mach ich meine Runde. Geht auch schnell. Nur ein bisschen verloren, unter nahen Fremden und fremden Fremden, stiller Teilhaber, Latenz-Freunden sein. Und bleiben, bis ich los muss. Mehr will ich gar nicht.

Doch schon taumelt der Nächste auf mich zu. Und ich tu´ — nichts, das als Einladung durchginge. Doch er — er mit seinem Hundeblick. Sucht mich. Trümmer-Thorben. Und findet [mich; leider].

Jetzt Rauch im Auge. Verqualmte Sicht. Wie ein Wahlross stützt, und schwappt er sich auf den Tisch (drauf), ab. Und japst. Immer wieder blickt er auf zu mir. Dann wieder sinkt sein Schwabbelkinn gen Brustbein. Sein Kopf bewegt und dreht sich angestrengt, die Augen rollen scheinbar doppelt so schnell in ihrer Hohlraumhöhle mit; so als robbe er, mental, einem Gedanken, einem einzigen schlaggebenden, einmalig, endgültig erlösenden Wort[-Anfang] entgegen. Schau an! Der kann gar nicht(s) mehr.

Sein gegelt grau-weiß meliertes Haar, der Muschimund-Bart fein säuberlich gestutzt — und auch die beige Lederjacke betont nur seinen Milchkaffeecharakter. Er ringt, er kämpft mit sich. Sein eigenes Unvermögen wirkt selbst auf mich beschämend, Mitleid erregend und sogar irgendwie beleidigend.

Wie unfair von mir ihn nicht zu mögen. Vielleicht. Doch kein bisschen geh ich auf ihn ein. Meine Ignoranz sollte ihm eigentlich steinhart entgegen wehen. Will er mir doch, aus irgendeinem Grund nur seine Verbundenheit kundtun. Seine Prankenhand greift mir plötzlich in den Nacken. Besonders auf so was reagiere ich schlimm; allergisch und bleibe trotzdem stumm. Tatsächlich purzeln ihm nun süffige Verbalfetzen aus dem Gaumenraum. Worte kaum.

— verpiss dich!

sag ich, indem ich mich wortlos von ihm wegdrehe.

Und suche mir danach — NATÜRLICH, die aller dunkelste und einsamste Ecke im Lokal. Doch auch das nützt nichts.

Retorten-Robert „der Leberfleck“ — kommt auf mich zu stolziert. Mit breitem, überamasturbiertem Gang, und einem freifallendem Gesicht, so als hätte er seit Tagen nicht mehr geblinzelt. Der Wichser. Aber hier, zwischen Kippchen, Bier und Bob Dylan fühlt er sich daheim. Kann ich verstehen. Doch ausgerechnet mich musste er sich jetzt zu seinem Leidensteilhaber imaginieren.

Dafür rauch ich, als Entschädigung, immerhin nur noch aus seiner Schachtel, selbst wenn ich auch eigene hab. Rache- und Rauchausgleich. Ein Karma-Hinundher. Doch irgendwann zieht mich der Abgrund, seines Mundgeruchs, auch mit hinab. Liebe ist nur etwas für zwei Fremde. Wir kennen uns. Sorry. Fällt er vom Hocker, echt? — denk ich fragend. Und helf´ ihm nicht auf. Seine wehmütigen Laute, immer leiser. Bis sie verstummen und er endgültig einschläft — unterm Tisch, zwischen meinen Beinen, wie ein Hund. Ein Grund, und endlich auch einmal Gelegenheit, richtig allein zu sein.

Mit Rauch und Alkohol stopfe ich die Leere in mir aus. Vielleicht. Eiskalte Eitelkeit.

Der da drüben. Kommt jetzt auch. Mit grinsender Hacke im Gesicht. Na toll!

Ein wandelndes Charakterloch, das sich unentwegt, halbherzig hinter seiner billigen, gestellten, debilen Sozialkompatibilität versteckt. Und sich unablässig mit der Zunge über die kahle Stelle zwischen Bart und Lippe leckt. Die Amöbe schlägt zurück. Stück für Stück dringt er in meine Ich-Hygiene ein. Doch ich bin zu faul zum Schreien.

— du bist so unnötig

lediglich, nuschle ich.

Er aber schluckt schon Luft um rethorikal auszuholen. Wie ich ihn verachte. Typus: gescheitert, modern mit seiner zugleich staubtrockenen Beamtenlässigkeit — mit Ring im Ohr und chronischer Gehirnfraktur. Keine echte Barnatur. Nur Zwischensäufer. Atmung ohne Grund. Kommt lediglich ein Mal im Monat, wenn Zahltag ist. Durch drei Kinder alimentgefrustet, obwohl er eigentlich stockschwul ist. Und es sich nüchtern niemals eingesteht. Aber nach jedem Wochenende vom Kettenrosettenlecken kriegt er Herpes am Kinn. Geschickt kaschiert er die Leerstelle seiner Persönlichkeit durch großspuriges Geschwafel. Weder Sinn noch Stil darin — nur aufgesetzt. Und immer gehts um Muschis. Jetzt aber schlägt er mit geballter Banalität zu und will mir was von seinem Aquarium erzählen.

Ich asche ihm ins Bier und sag

— das war kein Versehen

— macht nichts

erwidert er und holt uns sogar zwei neue.

Generell eh — aber ihm vor Allem verweigere ich die überbewertet und gänzlich überflüssige floskelnde Geste des Anstoßens. Allmählich wird ihm der Arm lahm. Er zieht zurück. Peinlich berührt mich sein Versuch zu schmollen.

— wir glauben zu wissen, was andere denken — und sind dann beleidigt wegen unserer eigenen Gedanken

halt ich ihm genüsslich vor. Während er indes eine überforderte Grimassenmaske /Fluppe zieht.

Ich asche ihm erneut ins Bier …


BILD by: Christopher Balassa                

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final wank-off

Die Lust tanzend, wandelnd zu betrachten; hieß einfach nur — ihr zuzusehen. Hin und wieder lächelte sie verstohlen rüber. Ich winkte. Und kam mir bescheuert vor.
Doch aller spätestens nachdem sie ihr Bikini-Oberteil auszog, stellte mir die Begierde prompt einen so dermaßen Überharten in die Shorts…  Welchen ich unter allen Umständen zu verbergen suchte. Doch als sie dann aus dem Wasser kam, und über die Steine wie ein geschmeidiger Panther schlich, und stolzierte zugleich, konnte ich nur noch mit noch mehr Bier gegen die steigende Erregungssteife ankommen. Da rekelte sie sich schon, wie das Innere einer Lavalampe — und bückte sich, um uns kühle Biere aus dem See zu fischen, während ihr runder, schöner Prall-Arsch fatal viel ihres Höschens fraß — derweil — sie wusste ganz genau, dass ich ihr zusah. Genoss es auch. Als sich unsere Blicke dabei trafen und wir zugleich erröteten, übergingen wir dies, indem wir verlegen und unbeholfen, umständlich, doch eher zwecklos, uns gegenseitig von unseren ehemaligen Beziehungen zu erzählen begannen.
Dieses eine Mal noch hielt ich stand. Aber nur, da ich kurz darauf in den Wald eilte — um mir einen Spermazapfen vom harten Ast zu klauben.


BILD BY: Christopher Balassa

Nie, wo Niveau war

Quasi grad mal erst auseinander raus; verschwitztglitschig — nachnackt, noch im Nachrausch, bewahren er (R.) und sie sich den Gesichtsausdruck indischer Gottheiten bei; und dösen. Inmitten der monotonen Nest-Stille rings um sie herum, vertilgen sie leichtsinnig die geborgte Gewissheit der Geborgenheit und Ruhe, während sich der Wind lässig an die Wand anlehnt; von außen, aber nur flüsternd, ungehört zu ihnen und den Ziegeln spricht. Unerhört gleichgültig, getragen, entbunden und weit entfernt von der restlichen Realität, völlig seelenruhig, (fast)glücklich, im Stillen und noch klamm im Schritt, liegen sie jetzt immer noch im Bett, im Ehebett, halb zugedeckt, halb aufgerichtet. Und rauchen. Nur R. raucht, um genau zu sein.
Nach (dem ganzen) in- und auf-, berühren sich nur noch ihre Oberarme. Die zögerlich angewinkelten Knie unter der Decke schon nicht mehr. Sie liegt links, wie immer. Doch plötzlich entledigt er sich verbal, prä-coital:

>kommt nicht bald auch … dein Mann wieder zurück?<

Ihre Blicke flüchten geradeaus, nur nicht zueinander.

SIE: ($•(   (so)
&
ER: )= |     so.

Zugleich entweicht gleichgültig gleichförmig weich-geformter Rauch aus seinem Mund. Sie greift ihm die Zigarette aus den langen Fingern, die er sich dabei an der halb abgerauchten Glutspitze ansengt.
Sie, sie schmunzelt leichthin spöttisch … kaum erkennbar. Da bläst sie schon selbst Ringe aus. Aber ärgert sich dennoch, denn — der Filter schmeckt fürchterlich, nass und angesabbert-durchgeweicht, hinterlässt er einen ätzend lippen-mitten-bitteren Nachgeschmack.

Nur so nebenbei — setzt sie jetzt dennoch ihr „…Baby-bleib doch — bitte…bleib-doch-noch-Babe!“-Gesicht auf und zieht ihn am Kinn dann zu sich, nah an sich, und sagt, scheinbar kaum überrascht, zum Einklang mit sich — und Ausgleich, zu ihm:

>…sicher verwechselst du mich nur mit irgendeiner — deiner tausend anderen<

Aber sie küsst ihm darauf dennoch zärtlich auf die Wange (sauer-süßerer denn je) —

>Glaub ich nicht<

sagt sofort und entgegnend er — Weißzahn-bewaffnet.

>Wie meinst du das? Was-stimmt-denn-bloß-nicht-mit-dir, Junge?<

sagt sie, deutlich bewegter — aufblickenden Aufblitzens, mit aufgedonnertem Augenlidaufschlag, und seziert ihn weiterhin aufs-aller- Genaueste, mit ihren Katzenaugen-Blicken und Wimpernmessern. Und sie ist so dermaßen vehement in ihrer Gegenwehr, fürchterlich herrlich, und fast schon abartig energisch-engstirnig : einfach nur wundervoll; schön und beängstigend, nicht?
Da, jetzt lächelt er —
aber lächelt auch schon nicht mehr — wirklich; eher — wirkt sein festgefahren und offenbarendes grinsstarrendes Grimassengesicht- Schmunzeln sogar unmenschlich — beinah banal (auch hässlich … denk´ ich). So, als gehöre es gar nicht so recht dort in sein Gesicht hinein. Ein Fletschen, mit seinem schon-von-jeher-und-immerzu-zu-doll-aufgedrückt-beim-Zähneputzen-eh, und blass-hautfleischwund-, viel zu-blutfarbenem, blutzuckerkrankem mehr-Zahnfleisch-als-Zähne-Lächeln. „Jaws“, denk ich immer unweigerlich. Und dazu die lippenfeuchten, dünn- schmalen, symmetrischen, ungewöhnlich-ungeschwungenen Mund-Balken drumrum, die trocken und rissig sind. Er ist — durstig, vom Lecken. Er leckt sich über die Lippen — salzig. Auch sein Charakterzustand: manifestiert und parabolisiert an seinem Kinn, als glänzend-fettiges Kindermuschi- & Arschloch-Kinn-Grübchen; fast sein einziges mimikalisches Wiedererkennungsmerkmal.

Wie erwähnt: nie wo Niveau war, war er zu finden. Und wenn man mich fragt — war R. eh, jeher ein Typ, der vom Typ her eher typlos schien. Ein schier indizierter Scheincharakter, mit fata-morgana-lichem Persönlichkeits- Indifferentum.

So retouresk — kommt er sich allmählich ebenso entblößt vor. Und ausgiebig-ausgießend sagt er daher, teerschwer — zurückschlagend:

>die einzige, der hier wohl was verwechselst — bist du(!), denk´  ich. Nämlich mich mit deinem Mann; offenbar … aber egal — legal : immerhin. Aber — lass-gut-sein …<

Weiterhin herrscht Stille. Und die stille Göttin darin:

> …      … <

> …    … <

> …  … <

> … … <

>……<

>…<

><

Beinah sieht man ́s ja;
und überall im Zimmer — ist ein animoröses Klima vernehmbar. Gleich- selbst R. ja selber — ein Sensibelchen ist und war … ist ́s irgendwie umso mehr schade um ihn; bezüglich ihr jedoch … empfind` ich das nicht so!

Ich glaube — sie mag und verehrt ihn beinahe nur deshalb so sehr, weil sie ja auch manchmal so gerne mehr wäre (aber nicht kann … doch!…könnte…). Jetzt aber (nicht mehr); sagt sie: (nichts … mehr) — und dann, dass er ein Arschloch ist; und noch schlimmer als ich:

>ein-deu-tig< — bestimmt.

Vielleicht stimmt das sogar irgendwie; nur
— sieht sie dabei … mich nicht, dabei — bin ich : doch der, der gerade durch den Türspalt späht …

Seit einer Woche bereits tue ich jeden Morgen bloß so, als ob ich zur Arbeit gehe. Und schleiche mich stattdessen später wieder in mein eigenes Haus zurück, durch die Kellertür oder die offen gelassene Garage.
Meine Empfindungen?
Allein um wahrhaftig, leibanwesend(-lich) und schmerznachvollziehbar, neidklar und radikal spürbar dabei sein zu können; wie … meine Frau — sich mit ihrem Stecher&lover-boy in unserem Ehebett trifft — klar! … ist-es-wert. Absolut! Ja.
Auch wenn er um so vieles jünger ist als ich.
Und ihr Stiefsohn … ei-gent-lich.
Und Ja(!), das alte Jagdgewehr in meiner Hand ist geladen; und scharf gemacht. Das garantier ich dir.
Glasmensch, glaub mir…

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YEAH! Papa is back!
It ́s D-Day. DOOMs-DAY of Donnerstag.

„Du bist doch total bescheuert, man …“