Rendezvous mit Mrs. Winehouse

Das Diva-Dilemmata

Sie war unschlagbar an der Bar und besinnungslos betrunken. Wie ich auch, als sie mir nah und näher kam, mit ihrem wild, weich-nassen Whisky-Lippenpaar. Doch ich rülpste – aus Versehen. Tiefzüglich rauchte ich noch gegen die enorme Übelkeit an, als sie verschwand.

Doch mit jazz-lässiger Geschmeidigkeit kam sie zurück und stürzte sich in meine Arme. Ihr Liebesschlund sog voller Leidenschaft den Qualm aus meinem Mund. Ich blickte ihr verschwommen in die Stecknadelpupillen und bot ihr eine meiner LSD-Pappen an.

„Bist du die ganze Zeit schon drauf?“, fragte sie darauf.
„… Ja, schon …“, nickte ich.
„Zum Glück“, stieß sie erleichtert hervor. Dann steckte sie mir einen weißen Bömmel in die Brusttasche, der so groß wie eine Murmel war. Sofort lief ich los und hackte mir eine Klodeckeldiagonale auf. Mehrfach schrie ich im Männerpissoir vor Schleimhautschmerz und übertriebener Begierde –Sehnsucht auch.
Danach – ließ uns nicht alleine nur die Liebe strahlen.

 

Rauschschmeißer

Woher auch immer, hatte sie sich Kautabak besorgt. Sie schmiss mir ein braunes Lächeln zu. Was sie aber kaute, war eine Camel-Zigarette – ohne Filter.

Wir torkelten danach in den Übergang (Nacht/Tag) hinaus. Denn die Bar hielt uns, und so auch wir sie, nicht länger aus. Hand in Hand – Richtung Highend-Zustand.
Sonnensaufgang.

Wir sahen goldenes Licht sich auf den hohen Häusern winden. Ich fühlte Schönheit. Alles um uns war im Fluss – und wir ein etwas wrackwackelige Kanu-Duo.
Ich nahm sie auf dem Fahrrad mit. Zunächst schlenkerstark, bis eine Art Trance eintrat. Ich spürte ihre Hand, die mir unters T-Shirt glitt. Hin und wieder sah ich in den Schaufenstern, wie ihr pechschwarzes Raabenhaar im Fahrtwind wehte. Das Leben zeigte seinen Happy-End-Charakter.

Sie von hinten schrie: „Fahr uns in die nächste Bar!“

 

Bar-Titania

Als alter Wahn-Veteran kannte ich natürlich, – selbstverständlich, hier und da das ein oder andere niemals versiegende Stammlokal für Speedfreaks und Gespenster. Hier erkannten sie mich – klar. Sie aber begrüßte man mit Küsschen.

Ihr Spermafängerpiercing glitzerte genauso wie ihr verschwitzter Teint, während sie gegen vier Hooligans ansang und sie danach auf aller kritischste Weise zu beleidigen begann, dass selbst ich mich schämte – ja ich, der Mann der Porno-Gravur und -Belletristik, das Unterschichten-Ass, ich, der Mr.-ich-schieß-nur-mit-stinkenden-Platzpatronen-Pazifist und so barbara-Diktator – hätte jetzt auch lieber Minigolf gespielt.

Denn sie schlug direkt als erste zu.

Und als einer der titanengroßen Glatzen-Gringos auf mich zukam, erklärte ich ihm schreckernüchtert sachlich, dass ich mich nicht mit ihm prügeln könne. Er sah grübelnd aus und kratzte sich. „Warum?“, fragte er und hob die Faust.

„Weil ich Tänzer bin …“, sagte ich „ … Ballet.“
Er zögerte tatsächlich. Und ich führte ihm ein paar frei erfundene Choreographien vor.
Bald saßen wir wieder alle ganz versöhnt und aufgereiht auf Hockern beieinander. Jeder redete sich in seinen Monolog hinein.
Ein Imperium der Wölfe.
Und Kokain – der Ego-Imperator.

 

Aus der Ich-Perspektive eines Statisten

Erst sagte sie, sie liebe mich, dann schmiss sie mit der Bierflasche nach mir. Mir wurde plötzlich klar, dass irgendwann ein Abschied unumgänglich war – der bereits bei der Begrüßung begann. So wie mit allem.

Ich sackte am Tresen zusammen, sah mein Bier an. Es wurde schal. Müde Tränen rannen mir über die Wangen.

Allmählich wünschte ich mir sogar ein wenig meiner Nüchternheit zurück. Weil sie jetzt keine Lust mehr hatte, jedes Mal aufs Klo zu rennen, steckte sie erst mir, dann sich einen dicken Bömmel-Klumpen in den Zinken. Die Wirkung kam verzögert und dementsprechend schlagartig. Ein Riss, der durch den Schädel zog.

 

Feuerleiter der Leidenschaft

Doch dann zog sie mich an sich und danach die ganze Vodkapulle an den Mund – wasserleicht wirkte bei ihr Schluck um Schluck. Nach einem zu übermütigen Versuch meinerseits, kotzte ich ihr ins Dekolletee. Es war wirklich nur ein bisschen. Doch sie mutierte zu einer tobsuchtswütenden Märtyrer-Bienenkönigin. Sie prügelte drauf los. Mein Schädel schlug am Tresen auf. Ich in meiner stummen Not, dachte eigentlich, man sehe rot – nicht schwarz. Der Blackout jetzt.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich alleine vor und einsam. Mit neutraler Anteilnahme stellte mir der vernarbte Mann hinter der Bar ein Bier vor die gefühlte Waschmaschinensicht. Gierig nuckelte ich an der frischen Bitterkeit. Etwas Licht, gelb und tagesschwanger, drang durch die aufgeplatzte Folie an der Fensterscheibe. Doch ich hielt stoisch an meiner Noch-einen-letzten-Drink-Mentalität fest. Bis plötzlich warme Klänge durch die eiserne Stille drangen.

Sie war noch nicht gegangen. Die Jukebox aus dem Hinterhalt. Sie sang jetzt nur für mich „House of the rising sun“ und sah mich dabei an. Lediglich auf Strumpfhose, tanzte sie wie ein Wellengang auf hoher See dabei. Die Frau war endboss, man!

Ich bestellte uns Whisky-Cola, während sie mit „Purple Rain“ begann.

 

Das Sagro-Phargo Szenario

Wir waren die letzten Lichter der verwehten Nacht. Doch der Tag, bereits erwacht, war warm und kratzig. Ich küsste sie und schwitzte. Ohne Umwege kam es prompt zu spontanem Beischlafverfahren – im Gebüsch.

Ich kam nicht einmal dazu, ihn vorher rauszuziehen.
Wieder auf dem Fahrrad fuhren wir johlend durch Frühschichtstraßen. Neben spieß-steifem Groll sammelten wir auch unzählige Schmunzler ein. Die Sonne jetzt im Nacken, in Richtung Hafen unterwegs.
Sie wurde sofort ohnmächtig, als sie zu gierig an meinem Haschpfeifchen zog. Ich legte ihr meinen Pulli unter den Kopf. Danach sprang ich ins Wasser. Unendlich frische Freude. Doch ich kollabierte fast. Nur knapp rettete ich mich bis ans Ufer. Dann legte ich mich neben sie. Wir schliefen ineinandergekeilt ein.
Als ich mit akutem Sonnenbrand aus meiner Bierbewusstlosigkeit erwachte, war sie verschwunden.

FIN

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BILD by: Aina Pura Muela[.tumblr.com] 
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hacktisch

Der Himmel glibschig. Die Sonne fast vertagt. Aufgeheizt stehen die Autos beieinander. Was zunächst Drang war, wird Verlangen. Ich nehme Wegbier zu mir. Und ziehe durch die Straßen. Ohne Aussicht. Denn über mir und überall nur schwebende Balkone. Und alle leer, wie meine Zähne löchrig, von Innen, sind — und das, so sehr, auch immer mehr. Aber mein Gang wird Tanz. Ich denke nicht an nichts — hinein ins Nirgendwo; bin irgendwo. Da ist ein blinder Fleck in meinem Herzen, den ich leider selber sehen kann. Aber ich bleib´ dran. Und lege auf.

Hinter dem, wo alles war, kommt nur noch Meer.


BILD BY: Christopher Balassa

Mehr Jungfrau

Die Bank auf der ich saß, war eingelassen in eine Brücke aus braunen Steinen. Erst jetzt erkannte ich die Meerjungfrau, die rechts über mir ihr Dasein fristete. In ihrer linken Hand hielt sie eine Art Muschelharfe. Was mich aber noch viel mehr irritierte, war das ähnlich wie zwei Beine gebildete Paar Flossen. Ich hatte immer gedacht, Meerjungfrauen besäßen nur eine davon. So hingerissen und fasziniert war ich, dass ich erst verzögert erkannte, wie pikiert die junge Dame über mein unentwegtes Starren war.

Sie stellte klar, dass es da nichts zu gaffen gäbe, ob ich denn keinen Anstand besäße und dergleichen. Eigentlich hatte sie ihr Lied für mich singen wollen, meinte sie, wobei ich mir schon dachte, dass ein einziges Lied doch ein sehr mageres Repertoire sei, aber ich sagte nichts dazu. Ich versuchte klarzustellen, dass es lediglich dem Umstand des Straßenlärms geschuldet sei, dass ich keinen ihrer lieblichen Töne vernommen hätte. Dabei wusste ich ganz genau, woran es lag. Sie war aus Kupfer, oxidiert und grün wie alte Kirchendächer. Wir hatten einen schlechten Start, das sah ich ein, aber jetzt wurde das Ganze allmählich zäh und lästig — viel zu kompliziert. Es war nicht meine Absicht, Gefühle zu verletzen. Ich machte Anstalten zu gehen. Warum ich denn immer fliehen würde, wenn es Probleme gäbe, ob das denn erwachsen sei? Solle das immer so weiter gehen mit mir?

Damit war meine Tarnungsschale aufgeflogen und einzig ein verletzter sensibler Junge blieb zurück. Sie hatte einen Nerv getroffen und gleich erkannt, wie machtvoll sie sogleich auch war. Die Lawine ihrer Vorwürfe rollte über mich hinweg. Jeden Fehler meines begangenen Lebens kramte sie hervor. Das alles hätte man aber auch ahnen können. Denn vom Sternzeichen her war ich Fische und da sollte man immer einen weiten Bogen um jede Art von Jungfrau machen, hatte zumindest meine Mutter immer gesagt.

„Fuck that bitch!“

Der hatte gesessen. Und die Meerjungfrau schien zutiefst verletzt. Brüskiert- pikiert schaute sie drein.
Zu Laurence, der sich mit seiner gelähmten rechten Seite, festgekrallt am Rollator, bis hierher geschleppt hatte. Somit hatte er mich nicht den Krallen, sondern den Flossen der gehässigen Jungfrau entrissen, mit ihrer abgekupferten Sirenentaktik. Ich kannte Laurence noch aus besseren Tagen. Da war er ein begnadet leidenschaftlicher Gitarrist gewesen, hatte sogar mal Jamsessions mit B.B. King und Mr. Slowhand persönlich absolviert — nach eigenen Angaben. Aber ich sah keinen Grund, ihm zu misstrauen. Er wirkte wie eine ehrliche Haut. Jetzt hatte ihn ein Schlaganfall nicht nur um die Hälfte seiner Körperkontrolle gebracht, sondern ihn auch blitzartig um Jahre altern lassen. Früher noch, immer unterwegs, ohne feste Wurzeln zog er durch die Länder. Jetzt saß er hier fest, niemand da, keiner kannte ihn, eingepfercht in einem Heim für Alkis und Abgestürzte. Ein sehr dürftiges Los, mit null Aussicht auf Gewinn und zu allem Überfluss konnte er nicht einmal richtig Deutsch. Seine Locken waren zerzaust und fast vollständig ergraut. Sein Blick war noch voller Aufbegehren. Der Typ hatte noch nicht aufgegeben, aber man sah bereits, wie der Schleier, vom Weißen her, versuchte, sich auf seine Iris und Pupille durchzukämpfen. Sein rechter Mundwinkel, in dem sich immer ein Tropfen sammelte, von dem man erwartete, dass er gleich fallen würde, es aber niemals tat, glitzerte nun im Sonnenlicht. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde er einfach eingehen oder eines Tages, mit dem Gesicht nach unten, zertrümmert vom unbarmherzigen Aufschlag auf unnachgiebigen Asphalt, auf der Straße liegen. Kein Heroismus, nur die Banalität des Lebens. Aber, dachte ich, vielleicht geschehen ja noch Wunder, auch wenn ich es bezweifelte.

„That old fishy cunt can go and fuck herself.“

Die beiden waren jetzt vollends mit sich selbst und miteinander beschäftigt. Und ich witterte endlich meine Chance, einen entsprechend gesitteten Sittich ausfindig zu machen.
Jedoch bewunderte ich die Leidenschaft der beiden — Musiker eben. Sie passten irgendwie doch ganz gut zusammen.


Bild by: Aina Pura Muela